Orianthi Panagaris (kurz: Orianthi) gilt als eine der aktuell besten Rockgitarristinnen der Welt. Zwei Jahre nach ihrem letzten Soloalbum „O“ hat die 37-jährige Musikerin nun ihre neue Studioscheibe „Rock Candy“ veröffentlicht.

Für viele junge Frauen bist du der Grund, um Musikerin zu werden. Ist dir das bewusst?

OrianthiEs ist wunderbar, dass ich andere Mädchen dazu animiere, Gitarre zu spielen. Als ich 2009 meine erste Single veröffentlichte, gab es noch nicht allzu viele Gitarristinnen, die sich in die Öffentlichkeit trauten. Heute dagegen gibt es weitaus mehr, wie man auf TikTok und Instagram erkennen kann. Zum Teil mit total abgefahrenen Beiträgen, über die ich immer wieder staune. Um ehrlich zu sein: Ich komme mir dann immer ganz schön alt vor, wenn mir junge Frauen schreiben: „Ich habe damals deine erste Single total abgefeiert und habe dann selbst angefangen zu spielen.“ Das macht mich sehr stolz und motiviert mich weiterzumachen.

Hast du speziell in die Band von Alice Cooper eine weibliche Attitüde gebracht, die auch die Tür für seine heutige Gitarristin Nita Strauss geöffnet hat?

OrianthiSchwer zu sagen, zumal mein Gitarrenspiel von soft bis aggressiv variiert. Ich denke, ich unterscheide mich nicht von vielen männlichen Kollegen, die eine ähnliche Bandbreite abdecken. Vielleicht ist der einzige Unterschied, dass ich weibliche Hände habe und dementsprechend ein klein wenig anders greife und anschlage als Männer. Manchmal wünschte ich, dass ich mehr und besser Saiten dehnen könnte. Aber ehrlich gesagt mache ich mir darüber nicht viele Gedanken. Jeder Mensch ist anders, unabhängig von seinem Geschlecht.

Wie ist heute dein Verhältnis zu Alice Cooper?

OrianthiIch war vier Jahre in seiner Band, bin auf einigen seiner DVDs zu sehen und habe auch Gitarre für die Hollywood Vampires gespielt. Wenn er mich anrufen würde und ich Zeit hätte, würde ich sofort wieder für ihn spielen. Ich liebe Alice, er ist eine Ikone, und ich mag seine Band.

Welcher der vielen Musiker, mit denen du im Laufe der Jahre gespielt hast, hat dich am meisten beeindruckt?

OrianthiNatürlich Carlos Santana, der bekanntlich der Grund ist, weshalb ich überhaupt mit dem Gitarrenspielen begonnen habe. Carlos und seine Frau Cindy sind mittlerweile zu einer Art Familie für mich geworden. Sie sind wundervolle Menschen, und Carlos ist ein großartiger Musiker. Sein Ton, sein Gespür für Melodien, haben mich von dem Moment an begeistert, als ich bei einem Santana-Konzert in Australien zum ersten Mal den Song „Europa“ hörte. Für mich war „Europa“ die Initialzündung, weshalb ich unbedingt selbst Musik machen und mich mit der Gitarre artikulieren wollte. Aber natürlich liebe ich auch Jimi Hendrix, Stevie Ray Vaughan, Gary Moore, Albert King, B.B. King, Eric Clapton oder auch John Lee Hooker.

Erstaunlich viele traditionelle Bluesmusiker!

OrianthiRockmusik geht letztendlich auf den Blues zurück. Ich bin zwar in erster Linie Rockmusikerin, jedoch immer auch mit einem Querverweis auf den Blues. Ich habe klassische Gitarre gelernt, liebe aber die Pentatonik und mag viele der traditionellen Blueser wie eben Stevie Ray Vaughan oder Jimi Hendrix. Letztendlich ist auch Santana vom Blues beeinflusst, er mischt ihn mit Rock, Fusion und Latin. Und privat hört er bevorzugt Miles Davis und John Coltrane. Ich mag auch Jazz, aber mein Vater legte bei uns zu Hause immer Bluesscheiben auf. Deshalb ist mir dies in Fleisch und Blut übergegangen.