Rodenkirchen - Es sieht aus wie ein impressionistisches Gemälde. Aber es ist ein Foto – wohl das schönste in der neuen Ausstellung im Rathaus. Christian Bellétre hat Tage investiert, um dieses Stillleben an der Steilküste des Gemeindeverbundes Petit Caux zu schießen, irgendwo auf dem freien Feld zwischen Belleville und Bernéval.
Früher, sagte der jugendlich wirkende 69-Jährige am Donnerstagabend bei der Eröffnung, wuchs hier Wein. Jetzt wächst hier Lein, dessen Faser zu Stoff verarbeitet wird. Bis vor 150 Jahren war Leinen der neben Wolle wichtigste Ausgangsstoff für die Textilerzeugung, bevor er von der Baumwolle aus den Kolonien verdrängt wurde. Jetzt wird Leinen wiederentdeckt – nicht nur von Bekleidungsherstellern, sondern auch von Fotografen.
Weite Felder blühen im Juni oder Juli in der Normandie für kurze Zeit in hellblauer Farbe auf.
„Leinen – Normannische Impressionen“ heißt deshalb auch die Ausstellung, die bis zu den 25-Jahr-Feiern der Partnerschaft zwischen Stadland und Petit Caux am 30. und 31. Oktober im Rathaus hängen wird. Auf einem Stativ hängen Strähnen der Pflanze in unterschiedlichen Reifestadien.
Am Computer bearbeitet
Christian Bellétre, der früher in höheren Positionen für den Elektrokonzern Alcatel gearbeitet hat, ist Vorsitzender des Photo Ciné Club Offranvillais, der schon frankreichweit Ausstellungen bestückt hat. Offranville ist eine Nachbargemeinde von Petit Caux mit 3300 Einwohnern.
Für das Foto vom Leinfeld ist Bellétre tagelang unterwegs gewesen; für die richtige Perspektive ist er auf eine Trittleiter gestiegen. Zu Hause hat er das Foto dann mit der Bildbearbeitungs-Software Photoshop in das Kunstwerk verwandelt, das jetzt im Rathaus zu sehen ist.
Doch Christian Bellétre überzeugt auch mit Fotos, die sich künstlerisch durch Schärfe und ein spannendes Schwarzweiß auszeichnen, sagte die Kunstpädagogin Maike Janßen, Seefeld, in ihrem einführenden Vortrag. So hielt er das Leben bei einer Tierschau fest. „Hier ein Tätscheln, dort ein kleiner Klaps mit dem Gehstock: innige Verbundenheit“, sagte Maike Janßen. „Der Fotograf hat es verstanden, die kantigen Gesichter unbemerkt einzufangen.“
Zwei weitere Mitglieder des Fotoclubs stellen ebenfalls aus: Marie Madeleine de Noach, die Lebensgefährtin Bellétres, und Jean-Jacques Vivien, ein ehemaliger Pilot.
Auch Marie Madeleine de Noach hat Lein fotografiert. Sie bringt die Pflanze dem Betrachter quasi botanisch näher, sagte Maike Janßen: „Die Zartheit der Pflanze und ihre Farbigkeit ändert sich nach der Verarbeitung zum Flachs in ein erdiges Graubeige, das sich auszeichnet durch Robustheit und Haltbarkeit.“ Die Fotografin inszenierte mit dem Lein Stillleben oder schrieb mit den Blüten den Namen auf Französisch: Lin.
Klippige Kulisse
„Jean-Jacques Viven zeigt uns seine Heimat: Küste, aber anders als bei uns“, sagte Maike Janßen weiter. „Nicht Watt, sondern Kies und Sand bilden den Strand vor klippiger Kulisse.“
Bürgermeister Klaus Rübesamen und Petra Leifert, die Vorsitzende des Freundeskreises Petit Caux, begrüßten die rund zwei Dutzend Gäste, der stellvertretende Vorsitzende Christian Köppen übersetzte. Yeti Mansena spielte auf dem Keyboard; es gab würzigen Käse und Cidre aus der Normandie, dazu kleine Apfelküchlein vom 1990 gepflanzten Petit-Caux-Baum am Rathaus.
Ganz besonders freute sich Petra Leifert, in Christian Bellétre ihren neuen Kollegen vorstellen zu können: Seit einigen Tagen ist er als Nachfolger des verstorbenen Bernard Defoy Vorsitzender des Freundschaftskomitees in Petit Caux.
