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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Vor 80 Jahren Von Nazis Eröffnet: Diffamierende Ausstellung „entartete Kunst“

19.07.2017

München „Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung.“ Adolf Ziegler, selbst Maler und Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste, scheute sich nicht, seine Künstler-Kollegen zu diffamieren, zu erniedrigen und an den Pranger zu stellen. Am Mittwoch vor 80 Jahren, am 19. Juli 1937, eröffnete er die von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels initiierte Ausstellung „Entartete Kunst“ im Galeriengebäude des Münchener Hofgartens.

Die Skulptur „Die Hungrige“ aus dem Jahr 1925 von Karel Niestrath in Düsseldorf. Foto: Federico Gambarini/dpa
Es war einer der traurigsten Höhepunkte deutscher Kulturgeschichte: Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka und Käthe Kollwitz: Mehr als 120 Künstler mit über 700 Exponaten wurden ätzender Kritik und Spott ausgesetzt, als geisteskrank bezeichnet, ihre Werke als „jüdisch-bolschewistische Kunst“ verrissen.

Zeitzeugen erinnern sich, dass die Bilder bespuckt wurden. Die Exponate wurden so ausgewählt, dass sie beim Betrachter Abscheu auslösen, antisemitische und antikommunistische Vorurteile schüren, Angst vor Chaos auslösen und moderne Kunst als Verfallserscheinung charakterisieren sollten: präsentiert in schlecht belichteten Räumen, dicht an dicht gehängt, teilweise ohne Rahmen.

An fast jedem Werk klebte ein Zettel: „Bezahlt mit den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes.“ Kombiniert wurden die Kunstwerke mit Zeichnungen von geistig Behinderten und mit Fotos verkrüppelter Menschen. Kommentare wurden direkt an die Wand geschrieben: „Der Neger wird in Deutschland zum Rasseideal einer entarteten Kunst“, hieß es beispielsweise.

Wegen des starken Publikumandrangs wurde die Ausstellung um zwei Monate verlängert. Bis Ende November 1937 kamen zwei Millionen Besucher. Anschließend ging die Schau auf Wanderschaft. Bis April 1941 wurde sie in zwölf weiteren Städten gezeigt. Insgesamt hatte sie über drei Millionen Besucher.

Am Tag vor der Eröffnung, am 18. Juli 1937, hatte Adolf Hitler nur wenige Meter vom Hofgarten entfernt das Haus der Deutschen Kunst mit der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnet. Die Gegenüberstellung hatte Goebbels bewusst geplant: Zu sehen gab es brachiale Männerskulpturen, röhrende Hirsche und blonde, Kinder wiegende Frauen oder Mägde im Dirndl. All das, was die Nazis für „echte deutsche Kunst“ hielten.

Publikumsandrang 1937 für die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München. Quelle: epd
Schon vor ihrer Machtübernahme hatten die Nationalsozialisten Teile zeitgenössischer Kunst als „jüdisch-bolschewistischen“ Angriff auf die „völkische“ und „arische“ Kultur diffamiert. Ab 1933 fanden „Säuberungen“ der Museumsbestände statt. Ausstellungen und Auktionen wurden gestört oder verboten. Berufsverbote für Künstler und Museumsleute, die moderne Kunst angekauft hatten, oder Hochschullehrer gab es bereits unmittelbar nach der Machtübernahme. Viele – vor allem jüdische Sammler – sahen sich gezwungen, Teile ihrer Kunstsammlungen zu verkaufen und ins Exil zu flüchten.

Mit dem „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938 wurde die Beschlagnahme der Kunstwerke rückwirkend mit einem Gesetz legitimiert. Es sah die entschädigungslose Enteignung der Werke zugunsten des NS-Regimes vor und wurde nach Kriegsende weder vom Alliierten Kontrollrat noch vom bundesdeutschen Gesetzgeber aufgehoben. Viele der Kunstwerke sind bis heute verschollen. Eine Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste verzeichnet über 150.000 Objekte, deren Besitzer möglicherweise im Nationalsozialismus enteignet wurden und bislang unbekannt sind.

Bis heute ist das Thema virulent: Im November 2013 wurde bekannt, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft in einer Münchner Wohnung über 1.200 Kunstwerke beschlagnahmt hatte, den sogenannten Schwabinger Kunstfund. Die Wohnung gehörte Cornelius Gurlitt, er war Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der während der NS-Zeit damit beauftragt war, Tauschgeschäfte mit „Entarteter Kunst“ zu betreiben. Die Restitutionsforschungen im „Fall Gurlitt“ dauern an. Im November 2017 zeigen das Berner Kunstmuseum und die Bundeskunsthalle Bonn in zwei Ausstellungen erstmals Werke aus dem „Bestand Gurlitt“.

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