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Literatur Digitale Buchwelt spart Kraft und Porto

Regina Jerichow

Westerstede - Der behinderte Lenny hat mehr als ein Handicap: Ihm gehören die ersten und die letzten Seiten, aber er ist nur eine Nebenfigur in Meike Cuddefords Roman „Tweed“. Dennoch war er für sie wichtig genug. Statt die üblichen dramaturgischen Regeln zu befolgen, ihr 500 Seiten dickes Buch umzuschreiben und ihre Hauptprotagonistin an den Anfang zu stellen, wurde sie lieber ihre eigene Verlegerin. Zum Herunterladen ist „Tweed“ nun auf dem Markt. Wer lieber das Printformat mag, kann auch eine gedruckte Taschenbuchversion anfordern.

Hunderte von Absagen

Für den Münchner Literatur-Agenten Roman Hocke war der Entschluss der Westersteder Autorin nachvollziehbar. Er versteht den E-Book-Markt als Testmarkt, auf dem sich angehende Autoren ausprobieren, erste Erfahrungen, aber auch Leser-Reaktionen sammeln können, die sie wiederum in die Lage versetzen, bei Verlagen vorstellig zu werden. Denn auch um deren Beschränkungen weiß er nur zu gut: „Es war immer schon sehr aufwendig und sehr teuer, einen neuen Autor auf dem Buchmarkt zu platzieren“, sagt er. „Und heute ist es noch einen Tick schwerer geworden.“ Denn die Käufer orientierten sich vielfach an Bestsellern und seien immer weniger bereit, sich auf Neues einzulassen.

Folglich gibt es immer weniger Autoren, die vom Schreiben leben können. Der Weg zum freien Schriftsteller sei ohnehin schwer, sagt Hocke und zitiert Michael Ende: „Autor zu werden, ist ausschließlich eine Porto-Frage.“

Oder eine der Muskelkraft: Früher hat Meike Cuddeford die Verlage mit dem Fahrrad abgeklappert. „Hunderte“ Anfragen hat sie auch verschickt, bevor sie die digitale Buchwelt für sich entdeckte. Die Absagen – meist ein Formbrief, oft noch nicht einmal unterschrieben – würden zwei ganze Ordner füllen. Dennoch lässt sich die gebürtige Ostfriesin nicht beirren und bleibt ihrem Kinderwunsch treu: Das blaue Schulheft, in dem sie als Elfjährige ihren ersten Roman mit runden Kinderbuchstaben niederschrieb, hat sie aufgehoben.

Dabei könnte die 43-Jährige es so viel leichter haben. Immerhin ist sie promovierte Tierärztin. Romantische Vorstellungen vom Leben des englischen Schriftstellers und Tierarztes James Herriot – bekannt auch aus der TV-Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“ – hatten bei dieser Berufswahl Pate gestanden. Dass sie „eher ein Wortmensch“ ist, sei ihr aber schon während des Studiums klar geworden, erzählt sie. Was ihren Kommilitonen nicht verborgen blieb. Im Abschlussjahrbuch heißt es als Zukunftsprognose lapidar: „Freie Schriftstellerin mit Schweinestall.“

Auf den Schweinestall hat Meike Cuddeford verzichtet, aber dem Beruf des Schriftstellers ist sie näher gekommen, seitdem sie ihre Doktorarbeit abgeschlossen und mit ihrem Mann, einem beratend tätigen Agrarwissenschaftler, zusammenarbeitet. Nachdem sie alle technischen Hürden der Formatierung ihrer Manuskripte genommen hat, sind vier Bücher von ihr auf der Onlineplattform epubli erschienen: außer dem Roman „Tweed“, der in Schottland spielt, eine Erzählung mit Schauplatz Provence („Wechseljahre“), ein Band mit Geschichten („Von Sonne, Schatten und Sahnewolken“) und ein Kinderbuch („Geckolino“).

Selbstvermarktung

„Love And Landscape“ ist die moderne Bezeichnung für das literarische Genre, in das Meike Cuddefords Bücher gehören. Die Liebesgeschichte in „Tweed“ ist denn auch in einfühlsame Schilderungen der schottischen Landschaft eingebettet, in der sie selbst gelebt hat. Der nächste Schritt ist die Selbstvermarkung, mit der sie gerade begonnen hat: Seit kurzem trifft man die Autorin auch auf Facebook an.

Aber so praktisch die digitale Buchwelt auch für sie ist, der nächste Roman soll mit Hilfe ihres Literaturagenten ganz konventionell erscheinen: im Printverlag.

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