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Konzertkritik Starpianist lässt verlorene Helden auferstehen

Gerd Döring

Dötlingen - Er stürmt auf die Bühne, nickt kurz ins Pub­likum und schon purzeln die Noten. Mit einer fein austarierten, quicken Komposition aus seinem Album „Lost He­roes“ beginnt Iiro Rantala sein Konzert in Dötlingen. Gewidmet hat er sie dem Jazzrocker Pekka Pohjola. Der früh verstorbene Bassist ist quasi ein Bruder im Geiste – ähnlich wie der finnische Avantgarde­Rocker eine Dekade zuvor, hat Rantala mit seinem Trio Töykeät weit über sein Heimatland hinaus Erfolge gefeiert.

Fast 20 Jahre lang haben Rantala und seine „Grobiane“ den europäischen Jazz um eine hochenergetische Variante bereichert. Nach der Auf­lösung der Band 2008 hat ­Rantala dann beim Münchner Label ACT eine neue Heimat gefunden. Seither schlägt der 1970 in Helsinki geborene ­Pianist und Komponist immer neue Volten – allein am Klavier, aber auch in immer neuen, oft von Labelchef Siggi Loch zusammengestellten Konstellationen, sei es im Duo mit Landsmann Jukka Perko oder mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Pandemie aktiv genutzt

Ganz nebenbei hat er noch eine Oper geschrieben und ein Klavierkonzert. Die Pandemie hat den quirligen Rantala zwar ausgebremst, wie er erzählt, aber er war keineswegs faul – „twentytwentyone“ ist so entstanden, eine kleine Studie zwischen Folk und Jazz und er hat sich wieder mit der Jazzhistorie beschäftigt. In irrwitzigem Tempo spielt er dann einen Ragtime, dem flugs eine Rantala-eigene Sicht auf den Bebop folgt.

Im schrägen Jackett

Ein so kleiner „Club“ wie die Tenne im Dötlinger Hofensemble ist für den kontaktfreudigen Musiker offensichtlich der rechte Platz. Mit Charme und Witz moderiert der Mann im schrägen Jackett den Abend, trägt viele neue Stücke aus der aktuellen CD vor („Potsdam“, live aufgenommen im dortigen Nicolaisaal), aber auch so manches aus den vergangenen Jahren.

Vollends die Lacher auf ­seiner Seite hat er, wenn er von Finnlands Jahreszeiten ­erzählt: wir hören einen stürmischen Oktober und, sein Lieblingsmonat, einen so schwermütigen wie sentimental-schönen November. Ausgerechnet sonnenverwöhnte Bekannte aus Australien hat er in diesem so frostigen Monat zum Besuch überredet, nun ja, seine Begeisterung für Nebel und Niesel teilt nicht jeder…

Ein zerdehnter Lennon

Ein Handtuch und ein Blatt Papier sorgen in „Freedom“ für klangliche Verfremdungen, er lässt die Saiten scheppern und rattern, um an­schließend genüsslich John Lennons „Woman“ zu zerdehnen. Süffig-schön folgt dann eine Improvisation über das Intermezzo aus der „Cavalleria Rusticana“ von Pietro Mas­cagni. Damit hat er, und jede(r) im ausverkauften Saal glaubt es gern, manch’ Hochzeitspaar glücklich gemacht.

Mit Johann Sebastian Bach hat Rantala auf seiner CD „My History of Jazz“ die Jazz­historie beginnen lassen und zu seinen Säulenheiligen gehören eben nicht nur Bill Evans und Keith Jarrett, nein, auch George Gershwin und Kurt Weill. Vor allem aber Leonard Bernstein, dessen übermütige Candide-Ouvertüre ein stimmiges Finale einleitet, das er mit einer kleinen Notiz aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart beendet – nicht ohne der Vorlage ein paar eigene Gedanken hinzuzufügen.

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