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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Doppelt gedruckt hält besser

22.01.2008

BERLIN Ein Fußballer würde sagen: Erst hatte er kein Glück. Dann kam auch noch Pech hinzu.

Da saß Lutz Rathenow 1982 als Bürgerrechtler und Schriftsteller in Ostberlin und schrieb einen deftig komischen Text unter dem Titel „Im Land des Kohls“.

Es ging um Braunkohl. Den gab es in der DDR haufenweise, wenn es auch sonst nichts gab. Es ging in dem Text um eine Braunkohlmajestät in einer Kleinstherrschaft, um Krieg mit Braunkohlwurf, einen durchgeknallten König der Braunkohlrepublik, die, um im Sprachgebrauch zu bleiben, nur hohle Rüben und taube Nüsse kennt.

Das war Satire pur. Und natürlich war die Geschichte nur eine Tarngeschichte, eine Tarnung für eine wirkliche Geschichte über politische Macht und Machtausübung in einer absurden Diktatur. Da Rathenow in der DDR lebte, wo politische Macht und Machtausübung durch eine Diktatur oft absurd waren, war bald klar, dass der Text dort nicht erscheinen konnte.

Die Stasi beäugte ihn ohnehin. Hausdurchsuchungen gab es. Verhaftet hatte man ihn mehrmals, ins Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen wurde er auch schon mal zeitweilig expediert.

Also tat Rathenow das, was ein bespitzelter Bürgerrechtler schon mal macht: Er schmuggelte den kurzen Text in den Westen, dort fand sich im freien Westberlin ein engagierter Verleger. Allerdings ein Kleinverleger – wie sich herausstellte, in jedem Sinne des Wortes.

Als das Buch in einer Handpresse erschien, in einer Vorzugsausgabe von 100 Stück, die teuer jeweils für 300 DM verkauft werden sollten, war so ziemlich das Schlimmste passiert, was einem Autor passieren kann: Der Drucker, der gern mal dem Wein zuneigte, hatte aus dem Namen Rathenow einen Rathenau gemacht.

Der Name falsch, die Auflage minimalst – das reichte noch nicht. Nun kam das Pech hinzu, dass in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein gewisser Herr Kohl regierte.

Er habe doch nur an die unendlich vielen Kohlköpfe in den DDR-Läden gedacht, weil es doch in der Mangelwirtschaft so viel Dauergemüse gab, nicht an Helmut Kohl, beteuerte Rathenow.

Das Büchlein sollte keine Parodie auf den Bundeskanzler sein. Doch es nutzte nichts: Das Werk kam im Westen nicht an, wurde gar nicht besprochen. Es erschien praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das war dann doch gar nicht so schlecht, meint Rathenow – allerdings erst heute. Das Buch ist durch die Namensverhunzung offiziell nicht unter dem Namen Rathenow erschienen. Die Neuausgabe ist, so komisch es klingt, eine Erstausgabe.

Man muss nicht notwendig an die DDR denken, wenn man das schmale Büchlein liest. Es ist durch die Zeichnungen von Tom Meilhammer ein groteskes Bilderbuch für Erwachsene. Es handelt von verspielten Polit-Kriminellen, und die Handlung erinnert an südamerikanische Bananenrepubliken oder das Milieu von Oligarchen in Russland, die sich mal eben einen Fußballclub kaufen.

Es ist wirklich eine komische Geschichte. So komisch wie die Geschichte dieses Buches.

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