DORTMUND - Die deutsche Sprache wird nach Ansicht von Sprachkritikern von immer mehr „Plastikwörtern“ demoliert – von Begriffen, die über Nacht entstanden und ebenso schnell in aller Munde waren, obwohl sie oft dumm sind oder falsch angewendet werden. Die meisten stammen aus den Bereichen Bürokratie („fußläufiger Nahbereich“), Wirtschaft („schlecht aufgestellt“) und Werbung („Wohlfühl-Feeling“).
Sechs Jahre lang – seit 2000 – haben die durch Sachbücher bekannt gewordenen Wissenschaftler Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt solche Vokabeln gesammelt. Die blödsten Blüten haben sie jetzt in einem satirischen „Lexikon der Sprachverirrungen“ mit dem Titel „Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch“ (Piper Verlag, 255 Seiten, 14,90 Euro) zusammengefasst. Aber auch die Ausgeburten der Umgangssprache werden in dem alphabetisch geordneten Nachschlagewerk entlarvt.
„Besonders angenervt“ haben Krämer neben dieser Wortschöpfung Formulierungen wie „also ich sag mal“, „auch und nicht zuletzt“ und „die überwiegende Mehrzahl“. Zwar könne man sich über derart dämliche Kreationen durchaus ärgern, findet der 58-jährige Statistik-Professor der Uni Dortmund. Die meisten der gesammelten Wörter seien aber eher zum Lachen, Schmunzeln oder Kopfschütteln.
Kaehlbrandt (53), promovierter Romanist und unter Reinhard Mohn PR-Leiter der Bertelsmann Stiftung, hat sich zum Beispiel besonders über das Wort „bauchgesteuert“ amüsiert. „Fehlt nur noch, dass es demnächst auch noch als Verb gebraucht wird.“ Und Krämer kann sich nur über Menschen wundern, „die sich einen dünnen Milchkaffee mit Namen Schmutzigmilch erst bestellen, seit er Latte macchiato genannt wird – oder lieber Grauburgunder trinken, seitdem er Pino Grigio heißt“.
Gehen am Stock werde als Trendsportart verkauft, obwohl die meisten Aktiven nicht einmal wüssten, was Nordic Walking überhaupt bedeute. „Selbst das Sitzen im stillen Örtchen wird unter dem Namen oval sitting als Abenteuer vermarktet.“
Was Krämer, der als Gründer und Vorsitzender des Vereins für deutsche Sprache (VS) bundesweit bekannt wurde, jedoch „ernsthaft stört“, ist das mit den meisten neuen Begriffen verbundene „Imponiergehabe“. „Jeder Bolzplatz hinter dem Futtersilo ist heute gleich eine Arena. Der Hausmeister heißt facility Manager, die Klobürste toilet cleaning set. Und nach Hartz-IV gibt es in Deutschland keine Familien mehr, sondern so genannte Bedarfsgemeinschaften.“
Nach Krämers Überzeugung reden die meisten Leute aus Gedankenlosigkeit „so daher“. Das sollte man nicht zu streng bewerten, sagte er. „Zum Teil aber haben sie es in der Schule auch nicht besser gelernt“, bedauert er. Das nehme nicht wunder bei Lehrern, die sich „dauernd einbringen“, alles „spannend finden“ und „Befindlichkeiten generieren“.
Oft aber stecke auch Absicht hinter dem Blähstil, ist Krämer überzeugt. „Angeben, vertuschen, viel Lärm um nichts verbreiten! Früher sagte man: Ich fahre statt mit dem Auto mit dem Fahrrad ins Büro. Heute spricht man vom Paradigmenwechsel.“
