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Theater Dramaturgien der Bürokratie

Andreas Schnell

Bremerhaven - „Arbeit macht Glück“ – da denkt man natürlich ans Dritte Reich, wo Arbeit frei machen sollte. Oder – das lässt der Titel von Hans-Werner Kroesingers neuem Stück offen – ist es eher der Dreiklang: Arbeit, Macht und Glück? Kroesinger schlägt mit seinem neuen Stück, das am Freitag im Bremerhavener Amtsgericht Uraufführung hatte, einen weiten Bogen.

Geschäftige Eile

Es beginnt bei Franz Kafka, geht weiter über ein Schiffsunglück und den Prozess gegen einen Plünderer im Zweiten Weltkrieg, erzählt die Geschichte des Arbeitsverweigerers Bartleby, Schillers „Glocke“, referiert Foucault, die Erinnerungen einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, collagiert mit Beiträgen des Produktionsteams und der Sisyphos-Saga in der Fassung von Heiner Müller.

Zwei Stunden lang wird das Publikum durch das Amtsgericht geführt, durch Gänge und Säle, bis hinauf ins Dachgestühl, das als Aktenspeicher dient. Zwei Szenen spielen im Sitzungssaal, wo jener Plünderer einst zum Tode verurteilt wurde.

Kroesinger, der im Programmheft zitiert wird, er nehme keine Standpunkte ein, es gehe ihm vielmehr darum, „den Mechanismus durchschaubar zu machen, in dem man agiert“, greift Dramaturgien der Bürokratie auf, das Warten auf unbestimmte Zeit, das geschäftige Eilen über die Gänge, mit Akten unterm Arm oder ohne, legt Material vor, das disparat wirkt und es dem Zuschauer überlässt, die Zusammenhänge herzustellen.

Sascha Maria Icks, Kika Schmitz und Andreas Möckel vom Stadttheater Bremerhaven verkörpern diese Welt in strengen Bürouniformen, kommandieren höflich, aber bestimmt, führen uns treppauf, treppab, teilen das Publikum zwischendurch in kleine Gruppen auf, führen es wieder zusammen. Es ist ein Abend von eher stiller Intensität, der die Aura des Ortes aufnimmt, das Strenge, Sachliche, das ja immer auch etwas Absurdes hat.

Am Ende, unterm Dach fallen schließlich doch noch die Worte: „Arbeit macht frei – oder?“ Das Licht geht aus, wir sind mit unseren Gedanken allein.

Ordnung per Gesetz

Immerhin: Dass Arbeit nicht ohne ihre gesellschaftlichen Bedingungen zu verstehen ist, dass die Ordnung, die ein Staat per Gesetz einrichtet, damit sogar sehr viel zu tun hat, das wird schnell klar. Und auch, wie sich Menschen die Anforderungen des Wettbewerbs verinnerlichen und Erwerbssphäre und Privatleben unentwirrbar ineinander fließen, kommt zur Sprache. Aber das ist beinahe weniger interessant als die minimalistische Inszenierung, die den Ort wirken lässt und über zwei Stunden lang Spannung hält.

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