DRESDEN - Erinnerungen sind eine tückische Sache, die einen haben zu viel, andere zu wenig. Und jeder erinnert sich anders. Normalität wird zum Schlüsselwort, einige kommen nicht mehr in diese hinein oder drohen wieder herauszufallen.

Die DDR hinterlässt eine reichhaltige Neurosensammlung – bis hin zu Menschen, die psychisch erkrankt sind und die als Betroffene kaum noch talkshowtauglich wirken. Die richtigen Opfer sind wenig vorzeigbar, es gibt Gesetze, die ihnen helfen sollen und auch helfen. Aber die greifen oft nicht, da politische Ursache und psychische Auswirkung nicht immer sauber beweisbar sind. Und heute?

Da redet eine Rentnerin von ihrem Freund, dem ehemaligen politischen Häftling der DDR, der in einem Berliner Altersheim sitzt. In einem Stadtbezirk, in dem mehr Funktionäre oder Strafvollzugsbeamte der DDR auch im Heim sind. Was machen sie laut der Dame? Terrorisieren das Opfer durch das Absingen von DDR-Polit-Liedern. Das könnte lustig sein, wenn es lustig wäre.

Für so etwas ist dann der Landesbeauftragte für die Staatssicherheitsunterlagen da. Und für einiges mehr: Auftritte in Schulen, Betreuung von Aufarbeitungsinitiativen und Betroffenenverbänden – den Echos der Diktatur in der Gegenwart. Auch für Gutachten bei Überprüfung einer Stasi-Mitarbeit im öffentlichen Dienst fragt man ihn – und immer wieder stellt sich natürlich die Aufgabe, die Öffentlichkeit über die Auswirkungen der Stasi zu unterrichten.

Die Stasi-Akten selbst verwaltet eine andere Behörde, die viel größer ist. Die hat einen neuen Chef: Roland Jahn. Der wurde kürzlich kräftig angemacht, weil er ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheitsbehörde versetzen lassen will – auch aus dem Wachdienst. Damit derjenige nicht den Personalausweis überprüft im Eingang des Gebäudes, der früher jemand überwacht hat oder damals den Ausweis bei einer Verhaftung abnahm.

Die besondere Verbrechensfähigkeit der DDR bestand in der Subtilität ihrer Verbrechen. Da wurde jemand in den Akten und in der wirklichen Welt bearbeitet – also im Rahmen einer Zersetzungsmaßnahme fertiggemacht. Berufliche Misserfolge, Zerstörung des Ehelebens, das Verbreiten von Gerüchten, die Scheibe des Autos ist immer wieder eingeschlagen. Stirbt der Zersetzte? Nein, in den Akten stellt jemand suizidale Neigungen fest und beendet die Maßnahme. Vielleicht werden sie dann die Beerdigung operativ absichern.

Viele DDR-Opfer werden vor diesem Hintergrund immer verbitterter. Jeder Aufritt eines Gregor Gysi im Fernsehen, in dem sie aus guten Gründen einen IM oder mindestens Mit-Verantwortlichen der DDR sehen, reaktiviert alte Traumata. Jede Meldung über Stasi-Mitarbeiter im Polizeidienst lässt alte Wunden aufbrechen. Wir müssen aber Respekt haben vor den Opfern. Und wieso gibt es die Landesbeauftragten nur in den neuen Bundesländern? Die Opfer leben überall. Wann wird es einen Landesbeauftragten für die Folgen der DDR-Diktatur in Bayern oder Niedersachsen geben?