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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Dunkle Reise in die Kindheit

05.07.2013

Bremen Einen Comic namens „Geschichten des Grauens“ hat es in Deutschland nie gegeben – abgesehen von einer ebenso benannten Edgar-Allan-Poe-Adaption und der Reihe „Boris Karloff“, die zeitweise diesen Untertitel führte.

Den Bremer Stadtteil Gröpelingen gibt es hingegen, und die in dem früheren Arbeiterviertel gelegene Lindenhofstraße ist das Ziel des 60-jährigen Harry Wallmann. Der als Kind eifrige Leser von „Geschichten des Grauens“ ist die Hauptfigur in Peer Meters und Gerda Raidts „Böse Geister“. In deren Geschichte wird Wallmann mit seiner verdrängten Vergangenheit konfrontiert werden.

Kalte Lehrer

angaben zum neuen Buch

„Böse Geister“ ist als sogenannte Graphic Novel im Verlag Reprodukt erschienen. Text und Szenario: Peer Meter, Zeichnungen: Gerda Raidt, von Hand geschrieben von Michael Hau; 104 Seiten, 20 Euro.

  Infos:

  Infos: www.peermeter.dewww.gerda-raidt.de

In den 1950er Jahren residierte in besagter Lindenhofstraße „Geffes Bücher-Börse“, eine mittlerweile fast ausgestorbene Form von Geschäften, in denen man gegen einen kleinen Aufpreis bereits gelesene Heftromane oder Comics gegen neue eintauschen konnte, ähnlich dem seit 2010 geschlossenen Oldenburger Geschäft „Alles für Leseratten“ in der Stedinger Straße.

Der Tauschladen bildete damals – in der erzählten Geschichte – den Lebensmittelpunkt des jungen Harry Wallmann, eine der wenigen Möglichkeiten, einem von Autorität geprägten Alltag zu entfliehen. Der plötzliche Tod des Vaters trifft Harry schwer, die kaltschnäuzige Art der Mitteilung durch den Schuldirektor vor der Klasse noch mehr.

Auch die ständige Schmähung der geliebten Comics macht sein Leben nicht besser. Als er vom Direktor wegen der in dessen Augen unbotmäßigen Lektüre gemaßregelt werden soll, entzieht er sich der vorgesehenen Bestrafung. Während der Verfolgung kommt der Direktor durch ein übersehenes Auto zu Tode.

Fortan wird der Schüler von Gewissensbissen und der Sehnsucht nach dem verstorbenen Vater gequält. An Hand einer aus einem seiner Comic-Hefte übernommenen Beschwörung versucht die Halbwaise, den Vater wiederzuerwecken, doch alles was sie am Ende zu sehen glaubt, ist der tote Schuldirektor.

Peer Meter, dessen Trilogie über deutsche Serienmörder, mittlerweile bestehend aus „Gift“, „Haarmann“ und „Vasmers Bruder“, bedrückende Themen behandelt, lässt in dem neuen Band „Böse Geister“ eher verhaltene Töne anklingen. Trotzdem bleibt er seinem Hauptthema, der gründlichen Beleuchtung von sozialen Machtgefügen, auch diesmal treu.

Späte Erkenntnis

Dazu finden die Bleistift-Zeichnungen der bereits von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Gerda Raidt im Stilmittel der gelegentlich erkennbaren Unfertigkeit einen treffenden Ausdruck für den Prozess des Heranwachsens – sowie den der späten Erkenntnis des Harry Wallmann.