Jever - Ende des 18. Jahrhunderts und insbesondere nach den napoleonischen Kriegen wurden in vielen Städten die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Befestigungsanlagen geschleift. „Sie hatten ihre Bedeutung als Verteidigungsanlagen endgültig verloren“, berichtete Professor Dr. Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever, beim Jeverländischen Altertums- und Heimatverein. Dem Abtrag folgte oft keine Überbauung, sondern die Einrichtung von Grünanlagen für die Öffentlichkeit – Beispiele sind Münster (Promenade ab 1770), Bremen (ab 1802), Lübeck (ab 1813), Hamburg (1820 bis 1837) und Emden (Anfang 19. Jahrhundert).

Neben der schwindenden militärischen Bedeutung der Befestigungsanlagen kam eine durch die Aufklärung bestimmte Diskussion zum Tragen, die der gestalteten Natur als Erholungsort für alle Bürger einen besonderen Stellenwert beimaß.

In der Idee des englischen Landschaftsgartens, der die Welt im Kleinen widerspiegelt und einen Wechsel zwischen freien Zonen, Wasserflächen, Blumenbeeten und Baumgruppen vorsieht, fand der Gedanke, dass der Mensch durch die Natur zum Guten findet und diese Chance allen offen stehen sollte, seinen Ausdruck.

„In Jever wurden diese Gedanken in den intellektuellen Zirkeln um 1800 intensiv diskutiert. Die Verlegung des Friedhofs vom Kirchplatz vor das St. Annen-Tor ab 1803 und die dortige Ausgestaltung nach dem Vorbild Dessaus gehört in diesen Kontext“, so Sander.

Ein Ausdruck dieser Überlegungen war auch die „patriotische Phantasie“ des Jeverländer Orientreisenden Ulrich Jasper Seetzen, die er 1808 im Jemen formulierte und in der die öffentlichen Grünanlagen auf der ehemaligen Befestigung eine wichtige Rolle spielten. Laut Seetzen sollten die Grünanlagen eine „Verschönerung und erhöhte Cultur seines Vaterlandes“ darstellen.

Die Vorbilder anderer Städte, aber auch die aufklärerischen Diskussionen, die unter den Bürgern in Jever geführt wurden, hatten eine sukzessive Umgestaltung der Befestigungsanlage in eine Wallgrünanlage zur Folge. Diese wurde nach der Übernahme der Herrschaft durch den Oldenburger Herzog Peter Friedrich Ludwig auch von obrigkeitlicher Seite unterstützt.

Seit 1826 wurden auch die Befestigungsanlagen des Schlosses geschleift und die Anlage in einen englischen Landschaftsgarten umgestaltet.

Maßgeblich für die Umsetzung der Pläne war der jeversche Kunst- und Handelsgärtner August Kunze (1779 bis 1860), der beim Oldenburgischen Hofgärtner Christian Ludwig Bosse in die Lehre gegangen war. Kunzes Lehrmeister begleitete neben dem Oldenburger Schlossgarten und dem Park in Rastede auch die Umgestaltung der Bremer Wallanlage. Kunzes Studienreisen auf Kosten der jeverschen Statthalterin Friederike Auguste Sophie zu den englischen Landschaftsgärten in Zerbst, Wörlitz, Dresden und Sanssouci flossen in die Planungen und Entwürfe für die Wallanlagen in Jever ein.

Marion Seeger würdigt die Wallgrünanlagen 2004 in ihrer Diplomarbeit in ihrer gartendenkmalpflegerischen Untersuchung und kritisiert als zerstörendes Element des Ensembles Wallanlagen das Gebäude Johann-Ahlers-Haus, wie auch das Volksbankgebäude.

Dass man schon mit Beginn des 20. Jahrhundert den Wert der Wallanlagen in der Stadt Jever verkannte, beweist der 1900 erfolgte Abriss des so genannten Pulverturms, einem Pulverkeller mit Kuppelgewölbe an der Pferdegraft. Es folgten viele weitere Eingriffe in den Grüngürtel.

Der Jeverländische Altertums- und Heimatverein richtet darum die Bitte an Mitglieder und Bürger, den Klageweg für eine Verhinderung der Bebauung der historischen Wallanlagen zu unterstützen.