Oldenburg - „Ich habe Dantes großes Werk mit leidenschaftlichem Interesse gelesen und entdeckt, dass es meine eigene geistige Entwicklung wiedergibt.“ Diese Worte notierte Salvador Dalí 1950 kurz nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den USA. Sie deuten an, dass der furiose Künstler sich trotz aller Eskapaden im Surrealismus der europäischen Geistes- und Literaturgeschichte verbunden fühlte.
Dalí (1904–1989) begann, Szenen der „Göttlichen Komödie“ zu aquarellieren. 1960 hat der Verleger Joseph Fôret dann diese Aquarelle im Auftrag der italienischen Regierung in Vorbereitung des 700. Geburtstages von Dante (1265–1321) als Holzschnitte drucken lassen. Eine umfangreiche Auswahl wird jetzt im Oldenburger Horst-Janssen-Museum ausgestellt.
Dante wacht
Dalí als Illustrator Dantes? Später hat er auch die Hauptwerke von Cervantes und vielen anderen Autoren illustriert. Gewiss, die Illustration als solche könnte für die überbordende Fantasie des Malers und Zeichners eine Fesselung sein – die Ausstellung zeigt aber, dass Dalí trotz des vorgegebenen Textes genügend Fantasie hatte, für die Gestalten des Epos’ Körperlichkeit und Vergeistigung, Gesten der Freude und des Schreckens in den verschiedenen Räumen der Hölle, der Läuterung und des paradiesischen Himmels zu entwickeln.
Gerade die hinter den gezeigten Holzschnitten stehenden Aquarelle lassen erkennen, wie feinsinnig Salvador Dalí die Farbstufen aneinander gesetzt und wie er Bewegungen des Pinsels in Formen von Raum oder Kleidung überführt hat.
Das Museum inszeniert diese Wanderung durch Hölle und Himmel mit klar getrennten Räumen, Schrifttafeln mit Versen aus dem Epos, die zuweilen durch weitere Verse ergänzt werden. Der Eingang wird nicht von einem Zerberus, sondern von einem Bronzeporträt Dantes bewacht, doch tritt dessen Wort deutlich hinter die Holzschnitt-Umsetzungen der Aquarelle zurück.
Die Blattfolge macht auch sichtbar, dass der extravagante Künstler einer gemeinhin für vernunftfrei gehaltenen Richtung des Surrealismus, der Kunst aus dem Unterbewusstsein, tatsächlich sehr präzise denken, handeln und malen konnte. Viele seiner Provokationen dienten dazu, auch Alternativen erkennen und Gewohnheiten oder Riten hinterfragen zu lassen.
Außerhalb der Wanderung durch Himmel und Hölle, auf der dritten Ebene des Museums wird an 25 Versionen des Blattes „Der geläuterte Dante“ vorgeführt, wie fein und sorgfältig jeder Schritt zur Erweiterung einzelner Farben bedacht worden ist, bis dann letztlich die Farbkomposition steht.
Gegen das Vergessen
Einige Farblithografien zum „Don Quichotte“ von Cervantes, die in den Jahren 1956/57 entstanden sind, zeigen zudem, dass Dalí keineswegs unabhängig von der allgemeinen künstlerischen Entwicklung gearbeitet hatte: Die Auflösung der Formen, die explosionsartig aufgerissenen Druckplatten sind auch Annäherungen an das damals gerade aufblühende Action Painting, dem Dalí in den Vereinigten Staaten begegnet war.
Seine Neigung für das Ungewöhnliche und Außerordentliche hatte ein Ziel, wie der Schlusspunkt der Ausstellung mit der Edition „Dix Recettes D’Immortalité“ – Rezepte für die Unsterblichkeit – demonstriert: Dreidimensionale Entwürfe für Monumente gegen das Vergessen.
