Eckfleth - Lale Andersen – war sie ein braves Mädchen oder eine wilde Göre? Diesen Attributen spürte am Dienstagabend die Bremer Mezzosopranistin Stefanie Golisch nach. Als fest steht, dass „Lale“ in ihrem Leben eher die Personifizierung der Nordsee darstellte, ist der Solistin im Eckflether Kroog der erste Beifall sicher. Die Frauen der Landfrauenvereine Elsfleth, Moorriem und Altenhuntorf genießen diesen stimmungsvollen Abend mit den legendären Liedern der Lale Andersen, aber Stefanie Golisch entpuppt sich auch als fundierte Kennerin der 1905 in Bremerhaven-Lehe geborenen Liselotte Blumenberg.
Als Jugendliche entsprach die „wilde Göre“ Liselotte so gar nicht den wilhelminischen Normen und Werten der Kaiserzeit, führt Stefanie Golisch ihr Publikum in die Vita der norddeutschen Sängerin ein. Liselotte heiratet mit 17 Jahren ihren ersten Ehemann Paul Ernst Wilke, bekommt drei Kinder und verlässt Ehemann und Nachwuchs, um Karriere als Sängerin zu machen. Stefanie Golisch war es vor einigen Jahren vergönnt, mit Michael Wilke, dem jüngsten Sohn, über dessen Mutter zu sprechen. Originalzitat: „Meine Mutter war ein prima Kumpel, auf den nicht immer Verlass war“.
Passend zur Lebensgeschichte war das plattdeutsche Lied „As Burlala geboren war, dor weer he noch so lütt…“. Es sitzt keine Frau im Saal, die diesen Klassiker nicht mitsingen oder -summen kann. Nach zahlreichen Engagements in ganz Deutschland und der Schweiz und ebenso zahlreichen Liaisons kommt die Zäsur im Leben der Lale Andersen, wie sie sich inzwischen nennt.
Bereits 1915 hatte der Dichter Hans Leip die Urfassung der „Lili Marleen“ geschrieben, die damals erste musikalische und sehr melancholische Melodie komponierte Rudolf Zink. Stefanie Golisch war es gelungen, nach mühseliger Suche die Noten dieser Fassung zu erhalten – und mit dieser ganz anderen, ganz fremd anmutenden „Lili Marleen“ gelingt der Solistin die vollkommene Überraschung.
1939 machte der Komponist Norbert Schulze daraus einen Marsch, militärisch zackig, mit einem Zapfenstreich beginnend und Männerstimmen unterlegt. So entsprach es dem Zeitgeist der Nazis. Es war der Soldatensender Belgrad, der aus Mangel an Schallplatten jeden Abend dieses Stück spielte, es wurde an allen Fronten ausgestrahlt und wurde ein Synonym für den Wunsch nach Liebe, Frieden und Menschlichkeit, es wurde ein Welthit mit zwei Millionen verkauften Platten.
Klar, dass dem NS-Regime der „wehrkraftzersetzende, morbide und depressive“ Text nicht gefiel. Daher und auch aus anderen Gründen, bekam die Andersen Auftrittsverbot, das erst teilweise aufgehoben wurde, als die BBC das Gerücht verbreitete, Lale Andersen sei in einem KZ umgekommen. Zum Glück nur ein Gerücht, nach Kriegsende gelang es der Sängerin ihre Karriere erfolgreich fortzusetzen.
Lale Andersen starb 1972 in Wien, auf ihrer geliebten Insel Langeoog ist sie beigesetzt worden, dort findet sich auch ihr Denkmal.
Auch wenn sich an diesem Abend vieles um „Lili Marleen“ dreht, Stefanie Golisch gelingt es, mit vielen schönen Andersen-Songs die Erinnerung an die Künstlerin wach zu halten. Und das ist besonders schön am Stil der Darbietungen: Die Mezzosopranistin lässt sich nie dazu hinreißen, die brüchig-rauhe Stimme der Lale Andersen zu kopieren. Ob „Stille Nacht am Hafen“, „Dat du mien Leevsten büst“, „Över des stillen Straaten“ oder „Ein Schiff wird kommen“ – Stefanie Golisch interpretiert das Repertoire in ihrem eigenen Stil und mit beeindruckender, kräftiger Stimme. Und so vereinigen sich die Künstlerin und die Landfrauen zu einem gemeinsamen Chor. Was wird gesungen? Natürlich „Lili Marleen“! Ein bewegender Abend und Beifall, der kein Ende nehmen will.
