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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Baron zieht für kurze Zeit in den Frauenknast

13.07.2005

VECHTA VECHTA - Ohne Personalausweis geht hier gar nichts. Und mit Handy auch nicht. Da kennen die Sicherheitsbeamten keine Gnade. In blauer Uniform stehen sie im tunnelartigen Eingang der Justizvollzugsanstalt (JVA) für derzeit 130 Frauen in Vechta, durchsuchen Taschen und kopieren Ausweise.

1998 öffnete sich das schwere Rolltor für die Öffentlichkeit zum ersten Mal. Damals ging „Nabucco“ über die Bühne. Diesmal hat die Stadt Vechta den imposanten Innenhof für den „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß gemietet. Von den Einnahmen werden Anschaffungen für die inhaftierten Frauen bezahlt, für die es sonst kein Geld gäbe, etwa ein Billard-Tisch oder ein neues Kochset.

Die Kulisse ist idyllisch: 800 Stühle sind aufgereiht, der Rasen frisch gemäht, die Bäume ordentlich zurückgeschnitten. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die roten Mauern in ein freundliches Licht. „Im Laufe der Vorstellung werden die Zuschauer vergessen, wo sie sind – und unsere Frauen vielleicht auch”, hatte sich Petra Huckemeyer, stellvertretende JVA-Leiterin für diesen Abend gewünscht.

Doch wie soll man die allzu jungen Frauen aus seinen Gedanken wischen, die zu dritt oder viert in den geöffneten Fenstern des ersten Stocks kauern? Während unten im Innenhof Sekt geschlürft wird, entdeckt man hinter den Fenstern den einen oder anderen weißen Kaffeebecher. Ein paar Frauen, „die morgen wieder unsere Nachbarn sind” (Huckemeyer), rauchen. Eine streckt ihre Hände durch die Gitterstäbe und klatscht Beifall. Hinter einem Fenster steht ein kleines Mädchen in Windeln. Die Händchen umklammern die Gitter. Seine Mutter hält es fürsorglich an den Hüften. Es lacht über die lustig-bunten Menschen da unten auf der Bühne.

Später wird es dunkler, so dass man die Frauen nur noch erahnen kann. Aber vergessen? So fesselnd ist die Aufführung der Künstler aus dem rumänischen Klausenburg nicht. Die Verwicklungen um den heimgekehrten Landbesitzer Sandor Barinkay im Ungarn des 18. Jahrhunderts und seine Brautsuche sind locker gestrickt und amüsant anzusehen. Sänger Laszlo Maleczky und seine Zigeunerbraut Evelyn Schörkhuber sind die herausragenden Solisten des Abends. Auch optisch fallen sie aus dem Rahmen, da ihnen die allzu roten Wangen und schrill bunten Tuch-Kleider erspart bleiben. Zusammen mit Chor, Ballett und weiteren Solisten beschreiben sie einen farbenreichen Bilderbogen.

Am Ende öffnet sich das schwere Rolltor wieder, um seine Gäste in die Freiheit zu entlassen. Jetzt bepackt mit vielen Eindrücken. Die der inhaftierten Frauen wiegen schwerer als die des Barons.

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