Brake/Jever - Noch bevor der Osnabrücker Schriftsteller Erich Maria Remarque Ende 1928 seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ im Ullstein-Verlag veröffentlichte (und bei seinem Arbeitgeber, dem Hugenberg-Konzern, rausflog), hatte ein junger Schriftsteller aus Jever seine Kriegserlebnisse in dem Roman „Soldat Suhren“ literarisch verarbeitet und einen großen Erfolg damit erzielt: Georg von der Vring (1889 – 1968), Zeichenlehrer am Mariengymnasium, hatte 1927 im Verlag J.M. Spaeth in Berlin den ersten deutschen Antikriegsroman veröffentlicht.

Zuvor war das Manuskript nach einer Odyssee durch deutsche Verlage und zahlreichen Ablehnungen ab Dezember 1926 in der Frankfurter Zeitung, der damals wichtigsten deutschen Tageszeitung, als Fortsetzungsroman abgedruckt worden. Das kam einer Art feuilletonistischer Erhebung in den literarischen Adelsstand gleich. Thomas Mann äußerte sich positiv im „Berliner Tageblatt“.

Dabei ist der „Soldat Suhren“, die Hauptfigur des Romans und unzweifelhaft Georg von der Vring, ein unsoldatischer Mensch, der keine Begeisterung für das Soldat-Sein empfindet, den Drill und Stumpfsinn des Kasernenlebens als bedrückend empfindet, der am blinden Gehorsam zweifelt.

Das Ganze wird erzählt in 39 aneinandergereihten Bildern. Und kriegerische Handlungen gibt es in dem Roman eher wenige zu finden. Lediglich die Schlusssequenz enthält zwei Kapitel mit der Schilderung eines Angriffs an der Ostfront und der Verwundung des Protagonisten Suhren.

Was hat den Reiz ausgemacht für die Leser des Romans, der mehrere Auflagen erlebte und von der Vrings Karriere als Schriftsteller begründete? Von der Vring hatte seinem Roman-Erstling ein Motto vorangestellt: „Von den Bergen fließt ein Wasser, das ist lauter kühler Wein“ – ein Volkslied, das Soldaten des 1. Weltkriegs anstimmten, wenn sie sich von ihren Partnerinnen und Familien trennen mussten.

Das Motiv des Abschieds – auch ein zentrales Moment in von der Vrings Lyrik und schon ein Hinweis, aus welcher Perspektive und Motivation die Kriegserlebnisse geschildert werden. Es ist die Sicht des Krieges aus der Perspektive des „gemeinen Soldaten“, nicht die Heroisierung von Kämpfenden oder Kampfhandlungen.

So sah es übrigens auch der Oldenburger Schriftsteller August Hinrichs, der das Buch für die „Oldenburger Nachrichten“ rezensierte: „Nur wer als einfacher Soldat im Schmutz der Massenquartiere und im Dreck der Gräben lag, wird begreifen, wie innerlich wahr dieses Buch ist.“ Nebenbei: Hinrichs verarbeitete seine Zeit als Sanitätssoldat im 1. Weltkrieg in mehreren Erzählungen, die 1935 in dem Band „An der breiten Straßen nach West“ erschienen, aber sich merklich vom „Soldat Suhren“ abheben: affirmativ und sich der Ideologie jener Zeit anbiedernd.

Die „innere Wahrheit“ des Buches geriet in nationalistischen und rechten Kreisen in Verruf. In rechten Zeitungen wurde der Roman zerrissen, gerade der Mangel an Kampfszenen wurde von der Vring vorgehalten. Das sei doch kein Vorbild. Ähnlich empfanden es auch rechte Kreise in Jever, die den Erfolg von der Vrings als zweifelhaft für die Reputation der Stadt ansahen.

1928 kam es zum Eklat. Von der Vring hatte die Aufgabe übernommen, die Rede zum Verfassungstag zu halten, ungeliebte Pflichtaufgabe für die mehrheitlich rechts bis rechtsextrem eingestellten Studierten der Stadt. Von der Vring trat ordensgeschmückt in seiner Leutnantsuniform und in Wickelgamaschen auf, lobte die Errungenschaften der jungen Republik – ein Affront gegen die früh auf Nazi-Kurs eingeschwenkte Bürgerschaft. Kurze Zeit darauf verließ er Jever für immer.

Was dazu noch wichtig ist

Der Maler und Poet Georg von der Vring wurde 1889 in Brake geboren. Nach seiner Schulzeit besuchte er das Oldenburger Lehrerseminar, wurde Volksschullehrer in Horumersiel. Er erhielt in Berlin eine Zeichenlehrerausbildung an der Königlichen Kunstschule, wurde dann Zeichenlehrer in Rüstringen. 1915 wurde er gemustert und zum Militärdienst eingezogen. Als Offizier wurde 1918 in Frankreich schwer verwundet. Erst 1919 kehrte er zurück, wurde Lehrer am Mariengymnasium in Jever.

1928 verließ von der Vring Jever über Nacht. Er zog erst in die Schweiz, dann nach Stuttgart, schließlich nach München, wo er 1968 verstarb. Er hatte nach „Soldat Suhren“ zahlreiche Romane veröffentlicht, am wichtigsten waren ihm aber seine Gedichte.

Der „Soldat Suhren“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt, bereits 1929 als „Private Suhren“ ins Englische. Verfilmt wurde „Soldat Suhren“ im Gegensatz zu „Im Westen nichts Neues“ (erstmals 1930 in den USA) nicht. Der Roman ist antiquarisch erhältlich oder in einer 2015 erfolgten Nachauflage im Elsinor-Verlag (16,80 Euro).