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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Desaster als Theaterspaß

11.01.2016

Wilhelmshaven Kann sich ein hochdekorierter Literaturprofessor im Ikea-Ambiente wohlfühlen? Würde man dem Bildungsbürgertum nicht ein paar Bücher mehr zugestehen? Vielleicht ahnte Bühnenbildnerin Cornelia Brey, dass Belesenheit und Wissen auf dem Schlachtfeld unkontrollierbarer Emotionen schon mal ins Hintertreffen geraten.

So will es jedenfalls die Erfolgskomödie „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière publikumswirksam suggerieren. Dank einer klug angelegten Regiearbeit von Nina Pichler und glänzend aufspielenden Charakterschauspielern entfaltet die Komödie der Landesbühne Niedersachsen Nord im Stadttheater Wilhelmshaven gesellschaftlichen Sprengstoff.

Ein harmloses Abendessen der Familie Garaud-Larchet wird zum Seelenstriptease. Der omnipräsente Schwager Vincent – eine Paraderolle für einen stark aufspielenden Mathias Kopetzki – bringt den Stein ins Rollen: Er möchte seinen demnächst zur Welt kommenden Sohn Adolphe (Adolf) nennen.

Verlegenes Lachen. Ungläubiges Schweigen. Erstarrte Gesichter. Jetzt wird mal nicht aus Spaß oder Langeweile gestritten, sondern weil grundlegende Überzeugungen auf dem Spiel stehen. „Das ist kein Vorname, sondern Verherrlichung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, empört sich Gastgeber Pierre, für den Sven Brormann den Spießer überzeugungsstark rauskehrt. Und reckt der Fötus auf dem Ultraschallbild nicht schon den Arm zum Hitlergruß? Ist Vincent komplett verrückt, rechtsradikal?

Nein, sagt er, nicht Adolf, sondern Adolphe, den romantischen Helden aus Benjamin Constants Roman wolle er ehren. Aber es ist zu spät. Das Thema ist zum gemeinschaftlichen Ausweiden angerichtet. Nur der feinsinnige, elegant befrackte Claude, dem Johannes Simons meisterlich seine ganze Schauspielkunst widmet, ziert sich noch ein wenig. Sein Geständnis, die langjährige Liebschaft mit Schwiegermutter Françoise, legt die Lunte für den finalen Knall.

Die Nerven liegen blank, und das lässt auch die stoische Hausfrau nicht unberührt: Elisabeth, gerade noch devotes Heimchen, entpuppt sich zu einem veritablen Racheengel. Ramona Marx bedient gekonnt sowohl das Klischee der Hausfrau als auch die Umkehrung in die Selbstbestimmung. Ebenso radikal stellt Aida-Ira El-Eslambouly als schwangere Anna ihren Partner Vincent und andere Anwesende infrage.

Das Essen mit Freunden ist Desaster und großartiger Theaterspaß zugleich. Minutenlanger Applaus und Bravorufe zollen dem gesamten Ensemble Hochachtung für ein gelungenes Stück lebensnahes Theater.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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