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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein deutscher Wilhelm Tell

21.11.2014

Berlin Sollte man jemals eine Liste anlegen von Schriftstellern, die gern und heftig streiten, dann stünde der Name des professionellen Provokateurs Rolf Hochhuth weit oben.

Aber er kann auch mal zufrieden sein. Wie jetzt. Er schwärmt von Berlin, jener Stadt, mit der er Frieden geschlossen hat. Hochhuth wohnt hinter dem Hotel Adlon in einem Appartement-Haus, unweit vom Berliner Denkmal für den deutschen Widerstandskämpfer Georg Elser (1903–1945). Der hatte vor 75 Jahren versucht, Adolf Hitler zu töten. Das Mahnmal für Elser wurde erst nach vielen Jahren voller Streit 2011 an der Wilhelmstraße aufgestellt. „Endlich, endlich!“, frohlockt Hochhuth noch heute.

Nachts, erzählt Hochhuth weiter, strahle dieses „herrliche Denkzeichen“ weithin. Fast täglich gebe es Führungen. Inzwischen erläutern die Gästeführer nicht mehr nur das Holocaust-Mahnmal, sondern verweisen auch auf Elser. Und wer hat im November 2011 die Rede zur Einweihung des Elser-Denkmals gehalten? Richtig: Hochhuth.

Der hat schon in den 60er Jahren mit seinem „Stellvertreter“-Drama die Republik erschüttert. Sein eigentlich unspielbares Stück thematisierte die Rolle des Papstes in der Judenverfolgung – kein Ruhmesblatt des Vatikans.

Unerschrocken fachte Hochhuth 1978 eine Diskussion an um die Vergangenheit des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger als NS-Richter. Hochhuth prägte den Begriff des „furchtbaren Juristen“. Noch im selben Jahr trat der entnervte CDU-Mann Filbinger zurück.

Lange stritt Hochhuth später für einen einzelnen, vergessenen Mann – für Elser. Für den verlangte er historische Gerechtigkeit – eben ein Denkmal. Hochhuth wünschte sich eine kräftige Erinnerung an den Handwerker von der Schwäbischen Alb. Am besten in der Nähe des ehemaligen „Führerbunkers“.

2008 akzeptierte der Berliner Senat dann endlich Hochhuths Anregung. Aber es geschah weiter nichts. Erst nach flammenden Aufrufen von Hochhuth meldeten sich neben dem Senat private Geldgeber. Für Hochhuth (Jahrgang 1931) war Elser schon in der Jugend ein Held. Immer schon wollte er ein Stück über den mutigen Schreiner schreiben. Aber das ging nicht. Erstens gab es schon Filme über den Attentäter. Und zweitens? „Der Mann war ein Einzelgänger, der wenig redete. Wie soll man über so einen ein Drama schreiben? Ohne Dialoge?“

Dass Elser ihm immer noch am Herzen liegt, zeigte sich vor wenigen Tagen. Da war Hochhuth beleidigt – weil man ausgerechnet in diesem Jahr kaum an Elser erinnerte. Das lag daran, dass der Tag des Attentats 75 Jahre danach (8. November) fast genau auf jenen Tag fiel, an dem vor 25 Jahren die Mauer geöffnet wurde (9. November). Dass Elser vergessen werde, sei indes typisch, beharrt Hochhuth.

Nicht genug, dass Elser in der Hierarchie des Widerstands gegen die Nazis unten rangiert. „Noch 1996“, referiert der 83-Jährige, der einst Verlagslektor bei Bertelsmann war, „stand Elser nicht mal in unseren zwei großen Lexika Brockhaus und Meyer.“ Man habe Elser ignoriert, weil er ein Einzelkämpfer gewesen sei, weil er zu keiner politischen Gruppe gehörte, weil die Nazis das Gerücht aufgebracht hatten, er sei britischer Spion gewesen. Das war Elser, die Forschung hat es längst bestätigt, garantiert nicht.

Aber eines war Elser in Hochhuths Augen bestimmt: „Ein fabelhafter Mann, ein Nationalheld. Ein deutscher Wilhelm Tell!“

Schon sechs Jahre vor Graf Stauffenbergs Attentat am 20. Juli 1944 habe Elser Pläne geschmiedet, den Diktator aus pazifistischen Gründen zu töten. Aber Hitler habe eine „tierische Witterung“ gehabt, was Attentate betreffe. Er sei am 8. November 1939 früher aus München aufgebrochen, noch bevor die Bombe im Bürgerbräukeller detonierte.

Elser, fasst Hochhuth in seiner markanten Art zusammen, war ein „bedeutender Mann!“. Das sieht man auch schon daran, dass Hochhuth als berühmter Dramatiker (und weniger bekannter Lyriker) in seinem Leben nur zwei Balladen über politisch wichtige Menschen geschrieben hat.

Eine über Churchill. Die andere über Georg Elser.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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