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Frühtanz In Tange Zaungäste, Strippenzieher und Bechersammler

Karsten Krogmann

Das Feiervolk

Wer Spaß haben will, braucht mitunter eiserne Disziplin. „Zehn vor sechs!“, ruft Lorena (17) immer wieder, sie kann es selbst kaum fassen: „Um zehn vor sechs bin ich aufgestanden!“ Sie hat sich ein bisschen aufgebrezelt und ist dann schnell zu Svea geradelt, der Zeitplan war eng: 6.45 Uhr Treffen mit Marius und Wilm und Rieke und Wiebke, 7.45 Uhr ins Taxi, 45 Minuten Fahrt von Wardenburg nach Tange, 8.30 Uhr Ankunft Tanger Hauptstraße. Jetzt ist es 8.45 Uhr, Fußmarsch zur Kasse.

Warum so früh? „Na, weil das hier Frühtanz heißt!“, erklärt Lorena kopfschüttelnd.

Und was macht man so früh auf einem Frühtanz?

„Tanzen!“, ruft Rieke (18). „Raven!“, ruft Wilm (19). „Saufen!“, ruft Marius (19). Alle lachen.

Die Zaungäste

Da rein? „Nee, bloß nicht“, wehrt Arno Feldkamp ab. Ab 60 gibt’s zwar freien Eintritt, und Feldkamp ist schon 64, „aber nee“, sagt er noch einmal, „das tu ich mir nicht mehr an.“ Er geht zu seinem Fahrrad, lupft ein Bier aus dem Lenkerkorb, zündet sich einen Zigarillo an. „Damals, in den 70ern, waren wir selbst in Tange feiern“, sagt er. „Und später haben wir dann unsere Kinder hier hergebracht und abgeholt“, sagt Irmgard (61), seine Frau.

Jetzt sind die Kinder groß, und Irmgard und Arno machen zu Pfingsten lieber eine Radtour. Sie radeln gemütlich von Elisabethfehn über Barßel nach Tange, vorbei an Menschenschlangen, Autostaus, berittener Polizei. „Wahnsinn, wie groß das hier geworden ist“, staunt Feldkamp.

Der Strippenzieher

Das Netz ist weg, war ja klar, „spätestens um 11 Uhr ist beim Frühtanz immer Schluss“, stöhnt Sebastian Schütte; er steckt sein Handy zurück in die Hosentasche. Der 36-Jährige arbeitet seit 18 Jahren in Tange, er konnte zuschauen, wie der Frühtanz immer größer wurde. Wie es dazu kam? „Durchs Internet“, sagt Schütte, „durch die Vernetzung.“

Mittlerweile reisen Busse aus Bayern an, aus der Schweiz, aus Holland. Hunderte Menschen arbeiten für den Frühtanz; wo früher ein kleines Zelt stand, steht jetzt eine riesige Halle, drumherum: 25 000 Quadratmeter Partyfläche, kilometerweit Bauzäune. „Im Januar geht das los für uns“, sagt Schütte.

Das Handy klingelt, hurra, es geht wieder. David aus Rostock ist dran. „Was? Ach so! Ich erklär’ dir, wie du zum Busparkplatz kommst“, brüllt Schütte in das Telefon.

Der Discjockey

Er geht mittendurch, das macht er seit 38 Jahren so. „Kurti!“, ein junger Mann klatscht ihn ab, „Kurti!“, eine junge Frau wirft sich ihm an den Hals. Kurti grinst. Er muss rechts auf die Bühne, da gibt es ein Treppchen, hochklettern geht nicht mehr, „Meniskus-OP“, sagt er. Kurt Salaberger, 62 Jahre alt, kam in den 70ern aus Österreich nach Tange. Er legte auf, Schallplatten natürlich, Ehefrau Gitte schenkte Getränke aus.

Jetzt legt Kurti immer noch auf, per Computer natürlich, und Gitte (57) kümmert sich hinten im Personalraum um die Ordner und Bierzapfer und Go-Go-Tänzerinnen. „Du magst bestimmt ein Würstchen“, begrüßt sie jeden, „und auch zwei, oder?“

38 Jahre Tange. Was hat sich verändert? „Eigentlich nichts“, sagt Kurti. „Ich mach’ geile Mucke – und alle tanzen.“ Er grinst, Kurti halt.

Der Bechersammler

Peter ist die Nummer 1, „Number one“, sagt er stolz. Peter Szeleski, 31 Jahre alt, spricht kein Deutsch; er kommt aus Polen. Er ist zum Arbeiten nach Tange gekommen, 1000 Kilometer Autofahrt, einen Tag hin, arbeiten, einen Tag zurück. In Tange trägt er nun den orangen Umhang mit der „1“ auf dem Rücken, andere haben eine „52“ oder „78“ bekommen. „1“ bedeutet: Peter ist der erste Bechersammler hinter dem Eingang. Er hebt die Getränkebecher und die Flaschen auf, die die tanzenden Menschen fallen lassen. Nichts soll herumliegen, keiner soll stürzen und sich verletzten, „alles gut“, sagt Peter.

Der Retter

Andreas Ripken kann sich gut erinnern, wie Frühtanz früher ging: „Ein Krankenwagen, zwei Helfer.“ Heute ist der 51-Jährige Leitender Notarzt in einer Zeltstadt: sechs Betreuungszelte mit 44 Plätzen, ein Behandlungszelt mit 8 Plätzen, ein Intensivbereich mit 3 Plätzen. „Eine Blinddarm-OP bekommen wir hier hin“, sagt Ripken.

Vorn im Sichtungszelt sitzt Alexander Schönhöft (26), Einsatzleiter für 110 DRK-Kräfte aus dem gesamten Oldenburger Land. Im Sichtungszelt entscheiden sie: Zu viel Alkohol? Betreuungszelt. Knöchel verstaucht? Behandlungszelt. Schlimmeres? Intensivzelt, notfalls Krankentransport, 18,8 Kilometer zur Ammerland-Klinik, 32,2 Kilometer nach Oldenburg.

Am Ende des Tages werden es 14 Transporte sein und insgesamt 221 Hilfeleistungen: meistens zu viel Alkohol, ein paar Schnitt- und Schürfverletzungen, kein Blinddarm.

Der Polizist

In der Container-Wache neben dem „Tanger Dörpshus“ hängt ein Großbildschirm: Live-Übertragung vom Festplatz. Davor steht Erster Polizeihauptkommissar Ludger Elsen (53) und sagt: „Alles ruhig. Das liegt am Sicherheitskonzept.“ Eine Reiterstaffel mit zehn Pferden, zwei Rauschgiftspürhunde (zwölf Mal werden sie fündig) werden, eine hohe zweistellige Zahl von Polizisten. Am Ende des Tages gab es ein paar Verkehrsverstöße, einige Prügeleien, Beleidigungen. „Wir sind zufrieden“, sagt Elsen.

Die Party

Sechs Bühnen. Überall Musik, stundenlang: DJ Kurti legt „geile Mucke“ auf, Ballermann-Star Mickie Krause singt „Geh’ mal Bier holen“. Die Menge hüpft, tanzt, trinkt.

Da sind Svea, Wilm, Rieke und die anderen Wardenburger, sie tanzen gerade nicht. Sie warten am Eingang, sie haben Marius verloren.

Es ist später Nachmittag, Sebastian Schütte rechnet langsam mit den Über-60-Jährigen, freier Eintritt und so. „Das wird jedes Jahr gut angenommen“, sagt er, „die schieben dann einen gepflegten Discofox durch die Halle. Aber die kommen lieber dann, wenn die meisten Jüngeren ausgefeiert haben und wieder weg sind.“

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