Düsseldorf - Die deutsche Weltmeister-Nationalelf hat ihr mit reichlich moderner Kunst ausgestattetes WM-Quartier in Campo Bahia längst verlassen. Ob Götze, Klose, Müller und die anderen ein Auge für die Werke brasilianischer und Düsseldorfer Künstler hatten? In Deutschland interessiert sich die Staatsanwaltschaft jedenfalls mehr für die Geschäfte des Mannes, der die Begegnung von Fußball und Kunst im fernen Brasilien einfädelte.

Der Düsseldorfer Kunstberater und ehemalige Präsident von Fortuna Düsseldorf, Helge Achenbach, sitzt seit über fünf Wochen in Untersuchungshaft. Festgenommen worden war der 62-Jährige nach seiner Rückkehr aus Brasilien kurz nach Pfingsten, wo er das WM-Quartier der Deutschen mit Kunst gefüllt hatte. Die Fußball-WM hat er dann nur noch aus der Untersuchungshaft verfolgen können.

Seit der Festnahme des bestens in Kunst und Wirtschaft vernetzten Achenbach, dem Betrug und Urkundenfälschung vorgeworfen werden, blühen die Spekulationen. Bisher sind die Namen von zwei mutmaßlich Geschädigten bekannt: Der 2012 gestorbene Aldi-Erbe Berthold Albrecht und der Pharma-Unternehmer Christian Boehringer. Ihnen soll Achenbach gefälschte Rechnungen mit verdeckten Preisaufschlägen ausgestellt haben. Strafanzeige gegen Achenbach hatte die Witwe Albrechts gestellt. Achenbach hatte dem Milliardär Oldtimer und Kunst gegen Provisionen vermittelt, aber laut Staatsanwaltschaft Einkaufsrechnungen zuvor nach oben frisiert.

Im Wochentakt werden die Spekulationen um die angeblichen Schadenssummen nach oben getrieben. Zunächst hatte es geheißen, der Schaden allein im Fall Albrecht liege laut Strafanzeige bei rund 18 Millionen Euro, inzwischen wird die Summe laut „Handelsblatt“ auf rund 30 Millionen Euro geschätzt. Der Haftbefehl des Amtsgerichts Essen soll sich sogar auf einen vermuteten Gesamtschaden von 60 Millionen Euro stützen.

Ob sich daraus Hinweise auf weitere Geschädigte herleiten lassen, ist derzeit völlig unklar. Die Essener Oberstaatsanwältin Anette Milk wiederholt fast täglich den Satz: „Es gibt zur Zeit keine konkreten tatsächlichen Anknüpfungspunkte.“ Entweder müssten sich mögliche Geschädigte selbst melden, oder die Ermittler könnten bei der Sichtung der Unterlagen Achenbachs „Zufallsfunde“ machen. Die Sichtung sei noch nicht abgeschlossen.

Auch eine Liste Achenbachs mit rund 200 Kunstverkäufen der vergangenen Jahrzehnte bis zurück in DM-Zeiten gibt offenbar noch keinen Aufschluss. Ein- und Verkaufspreise für Werke von Baselitz, Kokoschka, Richter und Warhol sind laut „Handelsblatt“ darauf verzeichnet – teilweise mit immensen Gewinnspannen wie etwa bei einem Bild von Roy Lichtenstein, das Achenbach für rund 2,5 Millionen Euro gekauft und für 3,4 Millionen Euro weiterverkauft hatte.

Auch einige an Albrecht verkaufte Arbeiten sollen auf Achenbachs Liste stehen. Die Liste habe Achenbach der Berenberg Bank als interne Referenzliste für Renditemöglichkeiten bei Kunstanlagen zur Verfügung gestellt, heißt es in Kunstmarktkreisen. Mit der Berenberg Bank hatte Achenbach die Beratungsfirma Art Advice gegründet. Als die Unregelmäßigkeiten bei den Geschäften mit Boehringer aufflogen, löste die Privatbank die Kunstberatungssparte auf und trennte sich von Achenbach. Die Rechnungen mit Boehringer habe Achenbach über seine Kunstberatung abgewickelt, heißt es. Achenbach habe den Unternehmer entschädigt.

Ob die Liste auf weitere „krumme Geschäfte“ führt, ist unklar. Denn der Verkauf von Kunst mit Gewinn ist ja nicht per se kriminell. In Kunstmarktkreisen heißt es, dass aus der Liste nicht hervorgehe, ob die verkauften Werke Handelsware mit legitimen Gewinnspannen oder Kommissionsware waren.

„Ein Filou war er immer schon“, sagte Gerhard Richter über Achenbach, den er seit Jahrzehnten kennt. Auf die frühe Vermittlung von Werken Richters, der heute einer der teuersten Gegenwartskünstler ist, gründet sich der Erfolg Achenbachs. Für Richter steht die Betrugsaffäre exemplarisch für den überhitzten Kunstmarkt, dessen Preise in teilweise unfassbare Höhen schießen. Der langjährige Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, Martin Roth, sagt in der „Zeit“: „Das Geschäft ist schmutzig geworden, richtig schmutzig.“