Seefeld - „Was für ein Abend!“, ruft Jean-Jacques Berger und reißt sich die Krone vom Haupt. Was für ein Abend! Das denken auch die knapp 80 Zuschauer der nahezu ausverkauften Premiere des neuen Stücks der Theatergruppe der Seefelder Mühle. Sie klatschen, sie jubeln, sie erheben sich, um die Leistungen der elf Darstellerinnen und Darsteller zu würdigen.
Tempo steigt stetig
Sie haben gesehen, was ihnen versprochen wurde: „Gaaanz großes Theater“. Die Regisseurin Heike Scharf und ihr Team sind den eigenen Ansprüchen mehr als gerecht geworden. Sie boten eine furiose Vorstellung mit stetig steigendem Tempo und Lerneffekt – eben einen gaaanz großen Theaterspaß.
Nach zwei ernsten Stücken, fand Heike Scharf, sei es Zeit für etwas Lustiges. Und deshalb entwickelte sie ein Theater im Theater, sage und schreibe sieben Stücke in einem. So etwas kann durchaus in die Hose gehen. Aber die Regisseurin und ihr Team umschifften souverän jede Klippe und brachten ein beachtliches Stück auf die Bühne, das zwischen Tragödie, Komödie, Klamotte und Groteske changiert, aber dabei nie selbst lächerlich wird. Im Dorfgemeinschaftshaus Seefeld gab es die gesamte klassische Theatergeschichte in knapp zwei Stunden, serviert von exzellent aufgelegten Darstellern.
Allen voran Dittmar Sprekelmann als Regisseur Jean-Jacques Berger. Es gelingt ihm, dieser Karikatur eines empfindsamen Schöngeistes mit französischem Akzent und Hang zu dramatischer Selbstüberschätzung ein menschliches Antlitz zu geben. Das in der großen Welt gescheiterte Genie muss aufs Dorf, doch dort wollen die Laiendarsteller sein wirres Stück nicht aufführen. „Ich bin Jean-Jacques Berger, ich kann so nicht arbeiten“, stöhnt der Eingebildete, der auch als Regisseur immer mit Krone herumläuft.
Fünf-Minuten-Klassiker
Die Dörfler wollen klassisches Theater spielen, und das tun sie auch – in fünf Minuten pro Stück. So erfahren die Zuschauer, dass in William Shakespeares „Hamlet“ viel gemordet wird und lernen Hamlets Geliebte Ophelia (Anneliese Kling) und seinen Vertrauten Horatio (Anja Thümler) kennen, in Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ lernen sie, dass man „für Geld alles bekommt“ und machen Bekanntschaft mit der stolzen Claire (Karin Rebmann) und dem Bürgermeister (Gerhard Knoth), in Shakespeares „Sommernachtstraum“ geht es um Liebeschaos, das der Handwerker Zettel (Heike Barre) unter anderem bei der Elfenkönigin Titania (Anne Grabhorn) unbedacht auslöst, in Goethes „Faust“ spielen Gretchen (Conny Jürgens) und Mephisto (Roswitha Barre) wichtige Rollen, und in „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder begegnen die Zuschauer Emily (Anke Kloppenburg) und ihrer Schwiegermutter Mrs. Gibbs (Irmgard Rüthemann).
Besonders beeindruckend aber ist der großartige Wolfgang Szyslo als Soldat Woyzeck in dem gleichnamigen Drama von Georg Büchner. Weinend erzählt er die Tragödie seines Lebens: die Erniedrigungen durch seine Vorgesetzten, seine Liebe zu Marie, deren Untreue und seinen Mord an ihr.
Und aus all dem muss Jean-Jacques Berger für den zweiten Aufzug ein neues Stück zaubern. Wie ihm das gelingt, ist sehenswert. Als König Jean-Jacques sitzt er mit Königin Claire im Thronsaal und will seinen mittlerweile 38-jährigen Sohn Horatio an Titania, Ophelia oder das Gretchen verheiraten; Horatio aber liebt nur die Hofdame Mrs. Gibbs. Trotz Bürgermeister, Hofnarr Zettel, Woyzeck, Emily und Mephisto geht die große Menage am Ende auf. „Die Liebe hat gesiegt“, ruft König Jean-Jacques Berger und reißt sich die Krone vom Haupt. „Was für ein Abend!“
