Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Wie es ist, wenn sich das Leben von heute auf morgen schlagartig ändert, habe ich im Gespräch mit George Abdou eindrucksvoll erfahren. Der 54-Jährige stammt aus Syrien und wohnt seit gut anderthalb Jahren im Haus der Familie Diepenbrock in Rethorn. Er verließ schweren Herzens seine Heimat, weil er in Syrien für sich und vor allen Dingen für seine drei Kinder keine Zukunft sieht.
Dabei war Familie Abdou bis vor einigen Jahren noch glücklich und zufrieden. Mit sechs Geschwistern ist George Abdou in Aleppo aufgewachsen. Sein Vater war Schneider und hatte sehr viel zu tun. So konnte er seinen Kindern den Besuch einer Privatschule ermöglichen. Allerdings mussten George und seine Brüder schon früh ihrem Vater in der Schneiderwerkstatt helfen. „Ich könnte heute noch einen Anzug nähen“, bemerkt George.
Mit vier Jahren besuchte er zunächst die Vorschule, dann folgten Grundschule und Gymnasium. Da er sich für Elektronik interessierte, erwarb George auf der Universität den Abschluss als Elektroingenieur. Nach dem Armeedienst hätte er gerne in dem Beruf gearbeitet, doch die Aussichten waren nicht gut. „Selbst bei Reparaturen ihrer elektrischen Geräte sind die Menschen in Syrien sehr sparsam“, erklärt George Abdou. Dass er sein Handwerk versteht, haben seine neuen Gastgeber schon erfahren: „Wir hatten einen E-Herd schon aufgegeben, aber George hat ihn wieder hin bekommen“, erzählt Detlev Diepenbrock.
Schon als Kind entdeckte George Abdou seine Leidenschaft für die Malerei. Er machte sein Hobby zum Beruf und verdiente seinen Lebensunterhalt als Kunstmaler. Zunächst verzierte er Möbel mit seinen Kunstwerken. Durch seinen Schwager wechselte er nach Dubai. Für eine dortige Firma betätigte er sich in der Wandmalerei und verzierte auch große Palastwände. Nach sieben Jahren kehrte er in seine Heimat zurück und machte sich selbstständig. Mit 37 Jahren heiratete er seine Ehefrau Ebtassan. „Christen haben erst ein Haus, einen guten Job und dann wird geheiratet“, lächelt George.
Als Kunstmaler war George Abdou in Syrien sehr erfolgreich. Es schien alles perfekt: Eine glückliche Familie, zwei Häuser, zwei Autos – und dann brach ab 2011 das Unheil über seine Heimat herein. 2012 erreichte der Bürgerkrieg auch seine Heimatstadt Aleppo. „Es wurde von Tag zu Tag gefährlicher, uns flogen die Bomben um die Ohren“, erzählt George. Im März 2013 floh Familie Abdou in das Heimatdorf der Ehefrau. Niemand war mehr an Kunstmalerei interessiert. Die Familie lebte vom Ersparten.
Die Lage in Syrien wurde immer schlimmer. George suchte für sich und seine Familie eine neue Heimat. „Ich mochte Deutschland, wegen des Fußballs und der Qualität der deutschen Erzeugnisse.“ Im Spätsommer 2015 nahm er Abschied von seiner Familie.
Zunächst fuhr er mit seinem Auto nach Beirut, von dort ging es mit einem Schiff in die Türkei. Dann zwölf Stunden mit dem Bus, bevor es wieder mit einem kleinen Schiff in Richtung Rhodos ging. Die 20minütige Schiffsfahrt kostete jeden Passagier 2500 Euro. „Weiter ging es mit Bussen oder dem Zug über den Balkan bis Österreich und dann über München nach Bremen, denn ein Cousin lebte in Delmenhorst.
Zunächst wohnte George im Flüchtlingslager in Bramsche, bevor er nach 25 Tagen im Heim des Schwimmvereins Ganderkesee unterkam. Dann bot sich Familie Diepenbrock an: „Wir wollten bevorzugt Christen in unserem Haus aufnehmen“, erzählt Detlev Diepenbrock. Kurz vor Weihnachten zog George ein.
Obwohl er als Kunstmaler schon ein Praktikum im Haus Coburg absolviert hat und in der Malerwerkstatt des Jute-Centers einige Bilder von George ausgestellt sind, sieht er in Deutschland in diesem Beruf keine Zukunft. Chancen rechnet er sich indes im erlernten Beruf als Elektro-Ingenieur aus. Dafür lernt er fleißig Deutsch und ist auch dabei, hier den Führerschein zu erwerben.
Sein größter Wunsch aber ist, dass er so schnell wie möglich seine Familie hier gesund und wohlbehalten begrüßen kann. Mit 54 Jahren beginnt George Abdou dann wieder ganz von vorn.
George Abdou, Kunstmaler aus Syrien
