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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Märchen auf wahren Begebenheiten

17.02.2017

New York Es klingt wie ein Märchen: Ein kleiner Junge verliert durch böse Zufälle seine Familie und Jahrzehnte später hilft ihm ein mächtigen Zauberer bei der Suche nach ihnen. „Lion - Der lange Weg nach Hause“ erzählt diese Geschichte mit einem kleinen Twist, denn der Film beruht auf wahren Begebenheiten. Natürlich gab es im Leben von Saroo Brierly in Wirklichkeit keinen Zauberer, doch stattdessen half ihm 2011 ein seinerzeit neues Computerprogramm.

Der Reihe nach. Fünf Jahre ist der kleine Saroo (Sunny Pawar) alt, als er 1986 auf einem indischen Provinzbahnhof seine Familie verliert. Er schläft auf einer Wartebank ein, wacht auf und sucht in einem verlassenen Zug nach seinem Bruder. Plötzlich setzt dieser sich in Bewegung, die Abteiltüren sind verschlossen und Saroo gelingt es erst nach Tagen und über 1 600 Kilometern Fahrt, an der Endstation auszusteigen. In Kalkutta schlägt er sich als Straßenkind durch, bis er schließlich von einem australischen Paar (David Wenham und Nicole Kidman, in entscheidenden Momenten immer toll leise) adoptiert wird.

25 Jahre später ist aus Saroo beinahe ein durch und durch westlicher Student (Dev Patel, in entscheidenden Momenten oft zu laut) geworden. Doch immer sind da die Erinnerungen an seinen leiblichen Bruder und die Mutter, die er verloren hat. Im Internet-Zeitalter angekommen hat Saroo die Idee, sich auf die Suche nach ihnen zu machen. Er erinnert sich nur an wenige Details seines Heimatdorfs und von dessen Bahnhof, trotzdem sucht er nächtelang bei Google Earth nach Luftaufnahmen von dort.

Von der ersten Einstellung an zieht diese Geschichte ihre Kraft aus den wahren Ereignissen, auf denen sie beruht und aus den - besonders in der ersten Hälfte - tollen Bildern für die Verlorenheit des jungen Saroo. Die Kamera von Greig Fraser schwebt über indischen Landschaften, bewegt sich im Menschenmeer Kalkuttas auf Augenhöhe mit dem Fünfjährigen und spielt in satten Farben immer wieder spannend mit Vordergrund und Hintergrund. Hätte Charles Dickens Filme in Indien gedreht, sie hätten wahrscheinlich genau so ausgesehen. Und geklungen hätten sie wie der zu den Bildern fließende Klavier-Soundtrack von Dustin O“Halloran und dem Deutschen Hauschka.

Kamera und Musik sind neben „Bester Film“ zwei der Kategorien, in denen „Lion“ für den Oscar nominiert ist. Vermutlich werden sich die Macher am 26. Februar aber genauso wie Patel, Kidman und Drehbuchschreiber Luke Davies der stärkeren Konkurrenz geschlagen geben müssen. Das liegt auch daran, dass im zweiten Teil des Films Patel ein paar Mal zu häufig suchend in seinen Laptop starrt. Die Poesie der Bildsprache geht verloren und an vielen Themen, die „Lion“ anspricht, schrammt der Film letztlich oberflächlich vorbei.

Die verzweifelte Heimatlosigkeit des Mannes, unser aller Sehnsucht nach einem Ort, an den wir gehören und einer Familie, die immer für uns da ist - all das wird angedeutet, aber kaum vertieft. Obwohl Regisseur Garth Davis zwei Stunden auf Saroos Geschichte verwendet, bleibt am Ende der Eindruck, dass der frühere Werbefilmer seine Zeit nicht zielsicher nutzt.

Damit ist „Lion“ ein Film über eine unglaubliche indische Geschichte, der am Ende vieles mit dem Zauber von Google Earth gemein hat. Auch dort lassen sich schließlich neue Welten entdecken - wer aber wirklich nahe herangehen und etwas über Details erfahren will, muss sich andere Lösungen und Wege suchen.

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