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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Reißzahn und Heißsporn

07.06.2017

Berlin /Bremen Claus Peymann trägt sein Herz auf der Zunge. Auch nach jahrzehntelanger, steiler Karriere kämpft er noch mit der Leidenschaft eines jungen Heißsporns für das Theater. Dabei ist der scheidende Direktor des Berliner Ensembles nicht zimperlich. Er teilt verbal gern und oft aus. „In meiner Gegenwart kann man sich nicht langweilen“, sagt Peymann, der an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert. „Aber ich bin natürlich auch nicht zum Aushalten.“

Gegen Politiker, Regisseure, Intendantenkollegen oder die Hauptstadtpresse richtete sich zuletzt Peymanns Zorn. Nach 18 Jahren räumt er zum Ende der Spielzeit nicht ganz freiwillig den Chefsessel am Berliner Ensemble. An seinem Nachfolger – Oliver Reese vom Schauspiel Frankfurt – lässt der cholerische Theaterkönig kein gutes Haar. Peymann spricht dem 53-jährigen Reese das Genialische ab und beschimpft ihn als „handzahmen Verwalter“.

Nach Stationen am Stuttgarter Staatstheater, Schauspielhaus Bochum und Wiener Burgtheater kam der aus Bremen stammende Theatermann vor 18 Jahren in die deutsche Hauptstadt. Als „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ war er im einstigen Brecht-Theater am Schiffbauerdamm angetreten. Nach knapp zwei Jahrzehnten feiert Peymann immer neue Zuschauer-Rekorde und ärgert sich über Kritiker, die seine Klassiker-Inszenierungen als museal bezeichnen.

Das Berliner Ensemble (BE), das er seine „zweite Haut“ nennt, sei immer sein Traum-Theater gewesen, sagte der „Prinzipal alter Ordnung“ bei seiner letzten Pressekonferenz als BE-Direktor. „Ich habe es nie bereut – natürlich nicht!“, so Peymann. „Für mich ist das als Direktor ja die letzte Station, darüber bin ich natürlich traurig.“ Im angemieteten Haus in Berlin-Köpenick, wo sich im Garten Waschbären und Wildschweine tummeln, will er wohnen und damit Berlin treu bleiben.

Aber Ruhestand ist für Peymann natürlich nichts. In Stuttgart bringt er in der nächsten Saison „König Lear“ auf die Bühne. In der darauffolgenden Spielzeit inszeniere er in Wien, kündigte Peymann an. „Das Entscheidende am Theater ist die Liebe“, so der Regisseur und Theaterleiter. Diese Liebe zur Bühne war in Peymanns stets werktreuen Inszenierungen am Berliner Ensemble immer spürbar.

Peymann hat Theatergeschichte geschrieben. Von der Berliner Schaubühne – zu deren Gründungsmitgliedern er mit Peter Stein gehörte – und dem bürgerlichen, ihn nach seiner Zahnbehandlungs-Spendenaktion für RAF-Häftlinge nicht mehr duldende Stuttgart über „dieses proletarisch dunkle Kohlerevier-Theater Bochum“ bis in die „Ersatzmonarchie“ des Wiener Burgtheaters. Autoren wie Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek gehörten und gehörten zu seinen Weggefährten.