Wildeshausen - Deutsche Romanhelden sehen üblicherweise anders aus. Volkswirt, passabler Job als Geschäftsführer, Ehefrau und zwei Kinder im Eigenheim: Karlmann Reen ist so – und trotzdem ein Romanheld. Michael Kleeberg, preisgekrönter Schriftsteller und Liebling der Feuilletonisten, hat ihn erschaffen. Bei einer beeindruckenden Lesung zog er mit seiner alltäglichen Figur knapp 40 Zuhörer in der Kreis-Musikschule in den Bann. Der Kulturkreis Wildeshausen hatte den renommierten Schriftsteller und Übersetzer eingeladen. Aus „Vaterjahre“ trug der gebürtige Stuttgarter und heutige Berliner vor. Geprägt habe ihn aber die Zeit in Hamburg, wie Kleeberg erzählte.

Er stellte den mittleren Teil seines auf drei Bücher angelegten Projektes um Karlmann Reen, kurz Charly, vor. In Band eins („Karlmann“, 2007) beschrieb er ihn zwischen 25 bis 30. Nun geht die Hauptfigur der „Vaterjahre“ auf die 40 zu. Fast vier Jahre habe er daran gearbeitet, verriet der Autor auf eine der Nachfragen aus dem Publikum.

Der dritte Band ist noch nicht einmal angefangen, doch eines weiß Kleeberg schon: Von der ursprünglichen Idee, immer ein Jahrzehnt weiter zu gehen, werde er sich verabschieden. Bei Charly setze er auf ein normales Privatleben, nicht auf Katastrophen“. Dann hätte Karlmann aber mit 50 noch den gleichen Geschäftsführerjob in Hamburg, die Ehe funktioniere weiter, die Kinder seien noch im Haus. „Ich werde eine längere Periode nehmen müssen“, sagte der Schriftsteller, Jahrgang 1959, über den ausstehenden Abschluss seines Projektes.

Vier Abschnitte aus „Vaterjahre“ trug er vor, sehr souverän und fesselnd. Wie Karlmann die Geburt des ersten Kindes und seine Rolle als Vater erlebt, wie er mit der vierjährigen Tochter einen herrlichen Ausflugstag mit einem überraschenden Wiedersehen mit seiner Ex-Frau erlebt, wie ihn der berufliche Erfolg eines Freundes ins Trudeln bringt: Alles ist stimmig, angenehm unaufgeregt und elegant formuliert, nachdenklich und mitunter heiter.

Als vierte Sequenz las Kleeberg vor, wie der geliebte Hund der Familie eingeschläfert werden muss und dazu ein lebenskluger Tierarzt ins Haus kommt. Grandios ist der schwere Abschied beschrieben, das Gefühlschaos aller in prägnante Worte gefasst.

Manche Literaturkritiker hätten die Hauptfigur sehr negativ gesehen. „Charly ist faul, ein Macho, nachtragend, aber kein Idiot“, so Kleeberg. Er ist ein Romanheld. Es dürfte sich lohnen, ihm zu folgen, so der Eindruck dieser Lesung.

Ulrich Suttka
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