NWZonline.de Nachrichten Kultur

SPRACHE: Ein Tiefpunkt im Umgang

20.01.2010

FRANKFURT Das „Unwort des Jahres“ 2009 heißt „betriebsratsverseucht“. „Damit werden in völlig unangemessener Weise Arbeitnehmer-Interessen als Seuche dargestellt“, begründete der Sprecher der sprachkritischen Jury, Horst Dieter Schlosser, am Dienstag die Entscheidung.

„Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen ,stört’ zwar viele Unternehmen, sie als „Seuche“ zu bezeichnen, ist indes ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen.“ Mit dem zum „Unwort“ gewählten Begriff stünden Menschen, „plötzlich da, als wären sie Aussätzige“.

Ein Mitarbeiter der Baumarktkette Bauhaus (Mannheim) hatte in der ARD-TV-Sendung „Monitor“ (14. Mai 2009) berichtet, das Wort werde von Abteilungsleitern des Unternehmens verwendet, wenn Kollegen aus einer Filiale mit Betriebsrat in eine ohne wechseln wollten.

„Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde“, so die Erläuterung. Der Mitarbeiter habe seine Aussage eidesstattlich versichert.

Sechsköpfige Jury

„Wir haben uns für ein Wort entschieden, das im Gegensatz zu den ,notleidenden Banken’ (Unwort 2008) erst im Kommen ist. Wir wollten rechtzeitig sagen: Stopp!“, erläuterte der Sprachwissenschaftler die Wahl.

Die sechsköpfige „Unwort“-Jury kritisierte zudem die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verwendete Formulierung „Flüchtlingsbekämpfung“ als „dramatischen sprachlichen Fehlgriff“, weil dabei eine Menschengruppe mit einem negativen und deshalb zu bekämpfenden Sachverhalt gleichgesetzt werde.

Mit der Formulierung habe die Kanzlerin bei einem „Bürgerforum“ einen Teil des deutschen Beitrags zum Migrationsproblem, der Abwehr von Flüchtlingen an Europas Grenzen, benannt.

Gerügt wurde als dritte Wortschöpfung „intelligente Wirksysteme“, „weil sich hinter dieser scheinbar harmlosen Bezeichnung ausschließlich technologisch hoch entwickelte Munitionsarten verbergen“. Diese würden von einem Unternehmen mit dem gleichfalls verschleiernden Firmennamen „Gesellschaft für Intelligente Wirksysteme mbH“ produziert.

An der 19. Wahl zum „Unwort des Jahres“ beteiligten sich insgesamt 2018 Einsender. Sie machten 982 verschiedene Vorschläge. Am häufigsten wurde dabei das „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ (183) vorgeschlagen, gefolgt von „Schweinegrippe“ (79), „Schattenhaushalt“ (69) und der von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden zum Wort des Jahres 2009 gewählten „Abwrackprämie“ (68).

Ein Jesuitenpater

Neben ihren vier ständigen Mitgliedern aus der Sprachwissenschaft gehörten der Frankfurter Jury diesmal der Jesuitenpater Friedhelm Hengsbach sowie der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Stephan Hebel, an. Sprecher der Jury ist traditionell der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Infos unter:

www.unwortdesjahres.org

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.