Abbehausen - „Ich stand in Chennai vor einem Kino, als die Leute gerade herauskamen. Ich fühlte mich so, als sei ich in Bremen. Und auch die Einkaufsmalls in den Großstädten Indiens unterscheiden sich wenig von unseren.“ Auf Mariska Stuijt üben daher die Zentren des Landes, das mit fast 1,3 Milliarden Menschen die zweitgrößte Bevölkerung der Erde hat und das neunmal so groß ist wie Deutschland, absolut keinen Reiz aus. Vielmehr liebt sie das Dorfleben – so wie auch ihr Zuhause hier in Seefeld.

Am Donnerstagabend im Butjadinger Tor erzählte die gelernte Grafikdesignerin im Kreise der Abbehauser Landfrauen über ihr Leben im Hinterland Chennais ganz im Süden Indiens. Mit Lichtbildern reicherte sie ihre Erzählungen an.

Wer Fotos von einem Bilderbuchurlaub, von Stränden und Sonne, Verkehr, Stadtleben oder Märkten erwartet hatte, war verkehrt. Es war ein Vortrag über ganz persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Er erlaubte einen zwar sehr eingegrenzten, aber doch auch interessanten Blick auf den Alltag der Landbevölkerung in einem uns sehr fremden Land voller Unbekannter und Rätsel, über das, so Mariska Stuijt, „in den letzten Jahren in den Medien meist viel zu negativ berichtet wird.“

Viermal bereits war die Seefelderin dort, zuletzt im Januar für vier Wochen. Immer wieder begegneten ihr die Menschen freundlich, mit sich selbst zufrieden, dem Schicksal ergeben und Jahrhunderte alten Traditionen gehorchend. 80 Prozent von ihnen sind dem modernen Hinduismus verhaftet, Muslime und Christen gibt es wenige, Buddhisten kaum mehr.

Das Kastenwesen prägt das soziale Miteinander, wobei in den Dörfern viele Menschen zu den Dalits, den „Unberührbaren“ zählen. Diese arbeiten, Frauen und Männer gleichermaßen, in der Regel vier Monate im Jahr bei einem Jahreseinkommen von etwa 460 Euro in der Landwirtschaft oder auf dem Bau; acht Monate sind sie arbeitslos.

Mariska Stuijt erzählte über die oft bunt angemalten heiligen Kühe in der Stadt und am Strand und die fünf bis zehn Kühe der Kleinbauern in „ihrem“ Dorf Tamil Nadu ebenso wie von der Reisernte und der allgemeinen Schulpflicht, dass in den Jahreszeugnissen auch die „körperliche Kondition“ mitbenotet werde, von scharfem Essen, großer Reinlichkeit, dem Brauch, vor den Häusern mit Reismehl farbenfrohe Mandalas auf die Gehwege zu zeichnen, von der „FamilyCard“ als einer durchaus funktionierenden Form von Sozialhilfe und der traditionellen Liebe der Frauen zu Schmuck.

Bei all ihren Erzählungen war in Gedanken immer die junge Inderin Dirja dabei. Mariska Stuijt lernte sie in Tamil Nadu kennen und begleitete ihre Familie über längere Zeit. Die Seefelderin hatte auch mehrere „Saris“ und ein „Dhoti“ dabei. Es ist die traditionelle Kleidung der indischen Frauen und Männer. Der Sari besteht aus einer sieben bis neun Meter langen Stoffbahn, in die der Körper eingewickelt wird. Und das ist gar nicht so einfach, wie die praktische Vorführung unter Mithilfe von Anke Kloppenburg zeigte.