Oldenburg - Wie viele große Literaten passen in ein winziges Arbeitszimmer? Fünf. Mindestens. Zumindest teilen sich Tomke Schriever, Klara Holm, Levke Winter, Ida Hansen – und Helga Glaesener seit etlichen Jahren einen Schreibtisch. Manchmal auch das Bett. Hin und wieder die Schokolade.
Beim Oldenburger Einwohnermeldeamt ist nur eine von ihnen eingetragen: Helga Glaesener. Hauptberuflich Schriftstellerin. Und Bestsellerautorin. Ihr Erstlingswerk „Die Safranhändlerin“ schaffte es auf Anhieb in die literarischen Charts. Mitte der 90er war das und historische Krimis so heiß begehrt, wie warme Semmeln. „Mittlerweile ist der Markt gesättigter – und das Schreiben längst nicht so lukrativ, wie man denkt“, sagt die Autorin. Weitergemacht hat sie trotzdem – und andere Genres erobert. Gerade brütet sie am heimischen Schreibtisch über ihrem 25. Roman: ein Ostfriesenkrimi. Unter dem Decknamen Levke Winter schreibt die Oldenburgerin nämlich mordsspannende Geschichten. Humoriges fließt ihr mehr aus der Feder, wenn die 59-Jährige sich in Ida Hansen verwandelt.
Neue Heldinnen suchen
Ganz gleich, welche Seiten die Schriftstellerin zum Leben erweckt, die Grundlage ist immer gleich: Ein großes Blatt Papier auf dem Ideen, Helden und Szenen landen. Außerdem wichtig: Schokolade. Ihre Nervennahrung hortet Helga Glaesener in der Schublade unter dem Bücherregal im Wohnzimmer, wo sich – Rücken an Rücken – ihre Werke aneinanderreihen. Thematisch sortierte Akten lagert sie wiederum im Arbeitszimmer: Recherchematerial für die historischen Stoffe. Versorgen lässt sie sich von der Tochter, die bei der Oldenburgischen Landesbibliothek arbeitet. Anderes erkundet sie über virtuelle Wege im Internet. Vieles spürt die Autorin an den Schauplätzen selbst auf: Für den jüngst erschienen Historien-Roman „Die Beutelschneiderin“ hat sie in Würzburg recherchiert – Fotos gemacht, die Atmosphäre inhaliert und Kopfkino genossen. Im Unterfränkischen 15. Jahrhundert lässt sie eine diebische Heldin auferstehen.
„Eine Kämpferin mit Strahlkraft. Ich wollte weg von diesem Klischee der schicksalgeschlagnen Frau, zu einer, die sich ihre eigene Welt zurrecht bastelt“, sagt die Schriftstellerin. Im eigenen Kopf der kleingewachsenen, großen Schriftstellerin wachsen seit jeher Geschichten. „Als Kind auf dem Weg zur Schule habe ich mir alles Mögliche ausgemalt. Fast ein bisschen verrückt“, sagt sie. Zu Papier hat sie Fantasystorys später gebracht – als die Kinder nicht mehr ganz so klein waren.
Träume wahr machen
Am fünfköpfigen Nachwuchs hat sie dann auch das Spannungspotenzial der neuen Zeilen getestet. „Eigentlich waren die viel zu jung ,um ihnen sowas vorzulesen – aber sie waren begeistert“, sagt die Mutter. Irgendwann, in einem anderen Leben zwischen Kindheitsfantasien und Familienglück, hat die Oldenburgerin was Vernünftiges machen wollen – wie sie glaubte – und ein Mathe-Physik-Studium angefangen. Nach ein paar Semestern jedoch, haben Träume über berechenbare Logik gesiegt.
Realitätsfremd ist die freie Autorin allerdings nicht geworden. „Zum Schreiben braucht man Struktur“, sagt sie. Wenn sie mittags das Skript des entstehenden Werkes schließt, verwandelt sie sich bis zum frühen Abend in eine Dozentin, die schriftstellerischen Nachwuchs per Fernschule coacht.
Die fünf großen Literaten im winzigen Arbeitszimmer teilen sich derweil eine Tafel Schokolade. Ihr gemeinsames Ziel übrigens, haben sie seit dem aktuellen Roman erreicht: Ein Regalbrett mit eigenen Büchern füllen. Vielleicht müssen sie sich bald nach was Größerem umsehen.
