Scharrel - Dramatische Stunden haben die Bürger im Nordkreis erlebt, als Orkantief Quimburga am 13. November 1972 über den Landkreis fegte und eine Schneise der Verwüstung hinterließ. In den vergangenen Wochen hat die NWZ immer wieder über diese sehr persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen berichtet. Auffallend ist, dass sich dieser Tag bei allen, die ihn erlebt haben, tief ins Gedächtnis eingebrannt hat.
Bei dem Gedanken an die Geschehnisse muss auch Hans Thoben (74) aus Scharrel nicht lange überlegen. „Ich habe die Kriegszeit mitgemacht. Aber einer meiner gefährlichsten Tage war im Rückblick der 13. November 1972“, ist er überzeugt.
Hans Thoben war Gas- und Wasserinstallateur. Seine Arbeitsstelle lag in Oldenburg. Täglich hat er den Weg aus dem Saterland im Auto zurückgelegt. Unterwegs gabelte er noch drei Kollegen auf. Zu viert saßen sie dann in Thobens VW Käfer.
Als der Sturm um 7 Uhr morgens los ging, waren sie bereits damit beschäftigt, einen Hausanschluss zu verlegen. „Der Wind wurde stärker und die Grundschüler bekamen für den Rest des Tages schulfrei.“ Ein Mädchen hatte Thoben dabei im Blick gehabt: „Sie saß auf einem Fahrrad und kam nicht gegen die gewaltigen Kräfte an. Sie wurde immer wieder von der Straße gedrängt.“
Thoben, der selber Vater von fünf Kindern ist, zögerte nicht lange. Er lud Kind und Rad in einen Firmenwagen und brachte es zur angegebenen Adresse. An einem Haus mit zerfetztem Flachdach hielt er an und klingelte. „Ein Mann öffnete, sah das Auto mit der Firmenschrift und zeigte sich hocherfreut. Schön, dass Sie da sind, sie wollen sicherlich das Dach reparieren, sagte er zu mir. Nein, habe ich geantwortet, eigentlich will ich nur das Kind abliefern.“
Heute, 40 Jahre später, kann Thoben über diesen Irrtum schmunzeln. In Oldenburg und im Saterland erinnert nichts mehr an die vielen Sturmschäden. Damals war der Tag aber noch lange nicht zu Ende. „Die Heimfahrt nach Scharrel war ein Alptraum. Ich fuhr über Petersfehn und Friedrichsfehn. Überall lagen umgekippte Bäume.“ In Scharrel wurde Hans Thoben von seiner Ehefrau Marga erwartet. Ihr und den Kindern war nichts passiert. „Wir haben den Tag im Haus verbracht und immerfort hinausgeschaut“, erinnert sie sich.
Als es vorbei war, gingen sie hinaus, um die Schäden zu inspizieren. Es sah schlimm aus. Die Familie wohnte damals bereits im Ennehof. „Beide Zufahrten waren durch entwurzelte Eichen blockiert“, sagt Hans Thoben. In seinen kühnsten Träumen hätte er es sich niemals vorstellen können, dass die mal umfallen könnten. Auch den Nachbarn hatte es getroffen. Sein Dach wurde vom Orkan zerstört.
Die Aufräumarbeiten haben Monate gedauert. Alles in allem sind sie aber mit einem blauen Auge davongekommen. Marga und Hans Thoben ist bewusst, dass sie großes Glück hatten. Und trotzdem: Die Erinnerung an diesen schicksalhaften Tag ist auch 40 Jahre danach noch mehr als präsent.
