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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Einsamer deutscher Held

01.04.2015

Berlin /Oldenburg Er ist alleine. Er hat wenig Licht. Er schwitzt und keucht, und verletzt sich leicht. So wie sich einer nebenher verletzt, der besessen ist von seiner Tätigkeit, einer, der nicht aufhören wird, wenn es zwickt und zwackt. Einer, der nächtelang seinen Plan verfolgt.

Georg Elser scheuert sich die Knie blutig, buddelt und wühlt in der ersten Szene des Films in einer Säule im Münchner Bürgerbräukeller. Er platziert den Sprengstoff, stellt die Uhren ein, macht die Bombe scharf. Sie soll den Diktator am Rednerpult töten.

Doch am Ende fehlten bekanntlich 13 Minuten zur Veränderung der Weltgeschichte. 13 Minuten früher verließ Adolf Hitler am 8. November 1939 das Rednerpult und den Saal. Der Attentäter, dargestellt von einem dem echten Elser erstaunlich ähnlichen Mann (Christian Friedel) wird noch an der Grenze zur Schweiz gefasst.

Im März 1945 wird Elser in den letzten Kriegstagen im KZ Dachau erschossen. Was bis dahin geschieht, schildert dieser eindrückliche Film.

Viel Kammerspiel

Regisseur Oliver Hirschbiegel zeigte uns 2004 etwas verklärend Hitlers „Untergang“. Jetzt setzt er einem lange vergessenen Helden in ruhigen Szenen ein Denkmal. Dabei kommt Elser nicht als schneidiger Held wie Tom Cruise als Stauffenberg daher. Mit großen Augen zeigt Friedel uns Elser in wichtigen Momenten entschlossen und unbeirrt, aber auch in seiner furchtbaren Angst, in seinem Schmerz unter der Folter oder in seiner Unsicherheit, was den Umgang mit Frauen betrifft.

Manchmal scheint das Bild stillzustehen, und man peinigt uns mit. Die Kamera geht langsam dahin, wo es wehtut: wenn Elser mit heißer Nadel gequält wird. Wenn er gepeitscht wird bei den Verhören. Wenn er kotzen muss vor Schmerz. Wenn seine Schreie über die Flure der Gestapozentrale hallen. Dann blicken wir in das Gesicht einer armen Seele, die so viel Mut aufbrachte und so viel Leid ertragen musste.

Das Attentat selbst kommt nur erstaunlich kurz vor. Es ist eine Explosion in der dunklen Münchner Ferne. Der Rest ist bewusst mehr Kammerspiel als spannendes Action-Kino. Meist mit fast intimen Szenen im Berliner Reichssicherheitshauptamt mit dem Kriminalisten Arthur Nebe (hervorragend: Burghart Klaußner) und Gestapochef Heinrich Müller (Johann von Bülow). Das Drehbuch stammt von Krimiautor Fred Breinersdorfer und dessen Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer.

Der echte Attentäter: Georg Elser (1903–1945) BILD: dpa

Regisseur Hirschbiegel in Oldenburg

Eine Voraufführung des Spielfilms „Elser“ findet am 7. April um 18 Uhr im Oldenburger Kino Casablanca (Johannisstraße 17) statt. Dabei werden Regisseur Oliver Hirschbiegel und der Hauptdarsteller Christian Friedel anwesend sein. Karten unter: Telefon   0441/88 47 57

Georg Elser ist bereits Thema mehrerer Dokumentarfilme gewesen. 1989 drehte Klaus Maria Brandauer nach recht frei empfundener Handlung einen Spielfilm mit sich selbst in der Hauptrolle. Der Film wurde, wie auch jetzt der neue Elser-Film, mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

Hirschbiegel fasziniert die Psyche eines Helden, der vom Christen und Moralisten zum Bombenleger wird – und dem die Nazis nicht glauben wollen, dass er allein die Verrücktheit besaß, den Führer umbringen zu wollen.

Rückblenden erzählen vom ungeordneten Privatleben des sanften Elser, von seiner Liebe zu einer verheirateten Frau (Katharina Schüttler), einer Liaison, die zuweilen die Widerstandshandlung überlagert. Erzählt wird phasenweise wie in einem Heimatfilm vom Leben auf der schwäbischen Alb. Dabei tut es gut, dass kein abgenutzter Fernsehschauspieler, sondern einer Elser spielt, der normal wirkt, so wie der Schreiner aus dem Volk es offenbar war.

Film war überfällig

„Man muss machen, was richtig ist“, sagt Elser einmal. Hirschbiegel belegt, dass auch im Dorf jeder wusste, was mit Juden geschah. Die Diktatur lässt Elser zu einem Akteur werden, der sein Attentat über Jahre plant. Als eine Frau mit dem Schild „Ich bin am Ort das größte Schwein und laß mich nur mit Juden ein“ auf dem Marktplatz gedemütigt wird, sagt eine Gafferin: „Da kann man nix machen.“ Doch, man konnte was machen.

Der Film ist ein Karfreitag-Film. Er war überfällig, so überfällig wie ja nun endlich die Benennung einer Straße in Oldenburg oder anderswo nach Elser. Bis in die 90er Jahre wurde Elser, wie nicht nur Rolf Hochhuth beklagt, kaum gewürdigt. Er wurde von Historikern missachtet, als Kommunist abgestempelt oder als Einzelner neben den Attentätern von 1944 vernachlässigt.

Es wurde Zeit für diesen Film. Das Mindeste für einen Helden, der fast die Welt verändert hätte.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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Reichssicherheitshauptamt | Gestapo

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