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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Elend zum Glänzen bringen

02.05.2016

Oldenburg Liliom ist tot und steht dennoch an der Rampe, das Hemd blutverschmiert, die Haare zerzaust, den Blick wild ins Publikum werfend.

Nein, sagt er trotzig, er wollte nie so was wie zum Beispiel Hausmeister werden. Und jetzt, wo er im Jenseits gelandet ist, schon gar nicht. So eine Stelle, denkt man da nach fast 90 Minuten Theatergeschehen, wäre wirklich nichts für diesen raubaunzigen Typen, für diesen Säufer, Verbrecher und Frauenschinder.

„Liliom“ ist eines der herrlichsten und schwierigsten Stücke. Ein unverwüstliches Bühnenzuckerl von Franz Molnár. Ein verrücktes Drama um einen Schiffsschaukelmitarbeiter in der Vorstadt, der von der ihn anschmachtenden Chefin entlassen wird, weil er sich Knall auf Fall in Julie verliebt, obwohl er sie eigentlich immer nur anschnauzt. Julie erwartet bald ein Kind von ihm, und der Schläger versucht verzweifelt einen Raubüberfall, der missglückt. Liliom ersticht sich.

16 Jahre danach bekommt Liliom die Chance, für einen Tag auf die Erde zu dürfen. Zu Frau und Tochter. Doch dort – typisch für ihn – vermasselt er wieder alles.

Alexander Simon hat Molnárs Unterschichtendrama in 90 pausenlosen Minuten im Kleinen Haus des Staatstheaters inszeniert. In der Regel vermischen sich im Stück Poesie, Sozialkritik und Kitsch zu einer feinen Melange. Simon setzt im Grundton auf Härte. Er liefert eine kalte Version eines Existenzkampfes mit märchenhaften Anklängen. Die expressionistisch anmutende, schön bewegliche Bühne von Matthias Koch wirkt spartanisch und meist düster. Hinten ist eine riesige Gondel, die zu Schaukeleien verführt.

Jens Ochlast ist ein vollproletarischer Titelheld in Hosenträgern – ein attraktiver, aber schlechter Kerl ohne gute Seiten. Das bei Molnár angelegte Zärtliche muss man bei diesem letztlich unbegreiflichen Macho suchen. Oft steht Ochlast wie in den Boden gerammt. Dann kommt der Text derb wie aus dem Maschinengewehr.

Lilioms Schicksal scheint in engen Verhältnissen so unausweichlich wie die Sauferei. Wenn er süppelt, prustet er das Gesöff als Sprühnebel in die Luft. Liliom redet nicht gern. Sein steifer Körper ist ein Vulkan, der den Ausbruch sucht. Das ist dann ein Markenzeichen der Inszenierung: Körpersprache regiert. Sie wird gesucht und reichlich gefunden.

Verzweifelt? Die Akteure möchten die Wände hochkraxeln und schaffen das nicht. Auch der Bühnenboden wird mal gewischt. Man läuft, hopst, tanzt und singt auch mal ’nen Liedchen.

In einer Szene spielt Yassin Trabelsi den Kumpan von Liliom. Beide wollen Karten dreschen. Aber vorher macht Trabelsi Kunststückchen mit den Karten, mischt sie, wirft sie hoch, fängt sie auf, zieht sie wie ein Artist auseinander – wunderbar anzuschauen, man ist hin und weg. Umso mehr, als Trabelsi gar keine Karten in Händen hält, sondern alles nur pantomimisch andeutet. Das ist wunderbare, verführerische Bühnenkunst.

Der Abend wird durch solche Einlagen, Traumsequenzen und die Musik von Carolina Bigge kurzweiliger, einige Längen sind zügig vergessen. Man spürt, dass mit dem Hamburger Simon ein Schauspieler inszenierte, der gern Darsteller glänzen lässt: Ochlast als stolzen Liliom. Magdalena Höfner als Julie selbstbewusst und mehr als ein Opfer. Caroline Nagel glänzt in drei Rollen, Lisa Jopt ist eine dralle Frau Muskat, Trabelsi karikiert diabolisch den Schurken. Alexandra Ostapenko ist als Marie eine putzige Freundin.

Das ist alles fein anzusehen, tendiert indes, in Kabinettstückchen zu zerfallen. Ein Abend, der hübsch funkelt, aber nicht völlig erhellt.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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