Elsfleth - Wie schön, dass es in Elsfleth einen Ort gibt, an dem die abendliche Grabesstille der Steinstraße von Zeit zu Zeit erfrischend unterbrochen wird: Seit exakt einem Jahr ist die Galerie „Kunst 42“ in der Steinstraße ein Garant für Kultur in allen Facetten, aber immer abseits des Mainstreams.
Zum „First Birthday“ hat Arne Nobel, er ist Schauspieler, Regisseur und Inhaber der Galerie, einen Weggefährten aus Jugendtagen eingeladen. Mit Freund, Schauspieler und „Bruder im Geiste“ Manuel Harder – zurzeit engagiert am Deutschen Theater in Berlin – verband Nobel eine jugendliche Kickerfreundschaft in der Neuenkooper Fußball-Thekenmannschaft „Cool und Scheißegal“. Die Freundschaft hat bis heute Bestand.
Gemeinsam haben sich die beiden in der voll besetzten Galerie mit der Actionlesung „Butch Cassidy and Sundance Kid“ einen Westernklassiker vorgenommen. Vor dem Start in die Gefilde, in der Männer noch echte Kerle sind, ein paar persönliche Worte des gebürtigen Elsflethers. Nobel dankt allen Freunden und Nachbarn, die ihn, den „verrückten Künstler“, im vergangenen Jahr unter ihre Fittiche genommen haben.
Dann ist Zeit, den Kostümwechsel vorzunehmen. Wie einst Robert Redford als „Sundance Kid“ und Paul Newman als „Butch Cassidy“ schlüpfen Arne und Manuel in ihre Westernkluft inklusive Colt und Patronengürtel, auch die zahlreichen Requisiten sind stimmig. Der Männerstrip coram publico erzeugt Heiterkeit, die zeitweise abgewürgte musikalische Untermalung ebenso, dann wird der Text rezitiert und mit allerlei Slapstick und Action aufgepeppt.
Obwohl die beiden Outlaws „Butch Cassidy“ und „Sundance Kid“ nach ihren Eisenbahnüberfällen mächtig in der Bredouille sind und ihnen die Banditenjäger der Union Pacific im Nacken sitzen, nehmen sie sich alle Zeit der Erde, um detailverliebt die Vorzüge von „Sundance“ Freundin „Etta Place“ ins rechte Licht zu rücken, um in aller Ruhe zu pokern und um ihre Flucht nach Bolivien auszuhecken.
Aber wie kommt man in dieses Land, wo „Milch und Honig“ fließen? Mit dem Pferd oder dem Drahtesel? Manuel-Butch bevorzugt den Drahtesel, der steht auch vor der Galerietür. Er dreht zur Verwunderung einiger Passanten in der Steinstraße wie ein Verrückter seine Runden. Da kann Dynamit-Nobel noch so leidenschaftlich seinen Text weiterlesen, mit hellem Vergnügen verfolgt das Publikum die Rennmaschine auf zwei Rädern.
Das nächste Highlight: der Kampf mit dem Widersacher der beiden Buddies, dem riesigen Harvey Logan, der nach einem Tritt in die Kronjuwelen malerisch zu Boden geht.
Ohne die Boys von der „Hole in the wall-Gang“ zieht es die beiden Banditen dann doch nach Bolivien, „Etta“ darf sie begleiten, stellt aber eine Bedingung: „Ich werde alles tun, was ihr von mit verlangt, aber ich schaue euch nicht beim Sterben zu“.
So reiten die Buddies mit Etta Tag und Nacht und Tag und Nacht; nach einer kurzen „ehrlichen Phase“ finden sie wieder zurück ins Verbrechen und im Film und im Leben der historisch verbürgten Banditen gibt’s kein Happy-End.
Ganz anders für Arne und Manuel: ihre amüsante, originelle und leidenschaftliche Aufarbeitung der Outlaws-Legende ist den Besuchern einen begeisterten Applaus wert
