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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Radziwill im Dialog mit Zeitgenossen

22.09.2018

Emden Nach Jahren wieder eine Franz-Radziwill-Ausstellung in der Emder Kunsthalle? Tatsächlich, aber die aktuelle Schau ist viel mehr. Ausgehend von Radziwills Ambivalenz gegenüber den technischen Errungenschaften der Moderne – zwischen Faszination und Schrecken –, spannt sie den Bogen bis in die Gegenwartskunst, die auf den Fortschritt nicht nur kritisch-pessimistisch reagiert, sondern aktiv an ihm teilnimmt.

Die erste selbst verantwortete Sonderausstellung von Kunsthallen-Direktor Stefan Borchardt umfasst rund 120 Exponate, darunter etwa die Hälfte Gemälde des Dangaster Malers (1895–1983). Die andere Hälfte setzt sich zusammen aus zeitgenössischen Werken – einsetzend in den 60er Jahren bis in die Gegenwart. Einige von ihnen sind heute schon Klassiker der Kunstgeschichte, etwa der eingegrabene Buddha-Kopf von Nam June Paik (1997), der konzentriert auf einen Fernsehbildschirm schaut und dort nur sich selbst erblickt.

Die Schau funktioniert einerseits chronologisch, weil sie mit Radziwills expressionistischem Frühwerk einsetzt, in dem sich bereits Strommasten, Züge und Dampfer ausmachen lassen, und mit dem Spätwerk endet, in dem Ikarus vom Himmel stürzt. Andererseits ist sie aber auch dialogisch aufgebaut. Denn die Gegenwartskünstler hat Kurator Borchardt nach ihren Anknüpfungspunkten zum Werk des Dangaster Malers ausgesucht.

Gleich am Anfang finden sich spannende Kombinationen. Es korrespondieren die hoch aus der Landschaft aufragenden „Verlassenen Häuser“ von Heiner Altmeppen (1990) mit den kunstvollen, aber trostlosen Hochhäuser-Reliefs von Martin Spengler (2018), die dieser aus Wellpappe schnitzt. An der Wand gegenüber ein Radziwill-Werk von 1960, in dem sich schemenhaft ein Hochhaus erhebt – hinter dem „Bunten Gasometer“ in Bremen, das dem Gemälde seinen Namen gab. Auf den Gasometer und Bremens Wasserturm (1932) antworten wiederum zwei strenge, schwarz-weiße Fotoserien von Bernd und Hilla Becher.

Verstädterung, Infrastruktur, Energieversorgung, Krieg, Medien, Genetik oder Robotik – zu allen Themen gibt es Gegenüberstellungen mit oft verblüffenden Effekten. Radziwills präzise gemalte Schiffskörper beispielsweise enden bei Edward Burtynsky. Er schuf 2001 ernüchternd-kritische Fotos vom Abwracken in Bangladesch, wo von den bedrohlichen, monsterähnlichen Kreuzfahrt-Riesen, die bei Wolfgang Petrick (2011) fast aus dem Bild zu quellen scheinen, nur noch rostige Trümmerteile übrig bleiben.

Wo Radziwill noch auf die Printmedien („Der Zeitungsleser sieht die Welt nicht mehr“, 1950) und das Radio („Der Sender Norddeich“, 1932) beschränkt war, beleuchten nachfolgende Künstler wie Wolf Vostell eine mediale Realität, wie er sie sich nie hätte vorstellen können: „So leben wir Abend für Abend vor dem Fernsehbildschirm“ (1968). Es herrscht Krieg in Vietnam, und wir erleben ihn daheim auf dem Sofa.

Künstler bringen dank technischer Möglichkeiten weit entfernt stattfindende Ereignisse zum Publikum, wie etwa HA Schult, der 1977 ein ferngesteuertes kleines Flugzeug über New York und um die Zwillingstürme des World Trade Centers kreisen und dann auf freiem Feld abstürzen ließ. Das Ganze wurde gefilmt und live auf der Documenta übertragen.

Von der „Schönheit des Alleinseins“, wie sie Radziwills Schlittschuhläufer 1948 noch genoß, ist im Zeitalter der Handys und Überwachungskameras wenig zu spüren. Bei Radziwill scheitert Ikarus 1960 mit seinen selbst gemachten Flügeln und stürzt wie in der Mythologie aus dem aufgerissenen Himmel in die Tiefe – ein Sinnbild für die Hybris des modernen Menschen. Die „Prothese“ des Medien- und Performance-Künstlers Stelarc dagegen funktionierte prima: Seine „Dritte Hand“ liegt in einer Vitrine.

Kunst, Technik und Wissenschaft haben am Ende der Schau zueinandergefunden.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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