EMDEN - Die Ausstellung konzentriert sich auf die Paardarstellungen des Künstlers. Darunter befinden sich auch 60 Blätter, die Nolde während seines Malverbotes durch die Nazis schuf.

Von Regina Jerichow

EMDEN - Da hocken die beiden nun: nackt, ausgesetzt, rat- und hilflos, das blanke Entsetzen in den Augen, als ahnten sie dumpf, was die Zukunft an Kummer und Schmerz für sie bereithält. Adam und Eva sind in Emil Noldes Gemälde „Verlorenes Paradies“ von 1921 ein groteskes, ein ernüchtertes erstes Menschenpaar, das zu resignativen Betrachtungen geradezu einlädt.

Die wären wohl durchaus angebracht gewesen im Leben des großen Farbmagiers aus dem Norden. Der Bauernsohn Emil Hansen (1867– 1956), der sich von 1902 an nach seinem Heimatdorf Nolde in Nordschleswig nannte, verzweifelte im Dritten Reich über die Verfemung und Vernichtung seines malerischen Werkes.

Dabei war er bis in die 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts einer der bekanntesten deutschen Künstler, dessen Werke in den wichtigsten Museen hingen. Noch beim Machtantritt der Nationalsozialisten fanden sich zahlreiche Liebhaber seiner Kunst in den obersten Rängen der Partei, darunter Josef Goebbels und Albert Speer. Letzterer schmückte die Goebbelssche Wohnung mit Nolde-Aquarellen aus – bis Hitler kam und sie aufs Schärfste missbilligte.

Es dauerte nicht lange, und Nolde geriet in die Mühlen der nationalsozialistischen Kulturpolitik: Seine Bilder wurden als „entartet“ verfemt und 1052 seiner Werke aus öffentlichem Besitz – mit Abstand die höchste Zahl an Bildern eines Künstlers – konfisziert.

1941 war sein Schicksal im Dritten Reich endgültig besiegelt. Ihm wurde die Ausübung seines Berufes verboten. Die Verordnung kam de facto einem Malverbot gleich. Nolde stellte daraufhin seine Gemäldeproduktion bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fast vollständig ein. Den Pinsel ließ er dennoch nicht ruhen. Er schuf eine Serie von farbglühenden, ausdrucksstarken Blättern – seine „Ungemalten Bilder“. Nolde benutzte nur Aquarellfarben, weil er Angst hatte, der Geruch von Ölfarbe könne ihn bei Hausdurchsuchungen verraten.

60 dieser kostbaren Blätter, die der Künstler in einer versteckten Kammer seines Hauses in Seebüll malte, sind in der aktuellen Ausstellung der Emder Kunsthalle zu sehen. Dazu werden 40 Gemälde und weitere 30 großformatige Aquarelle gezeigt.

Die Schau ist zweifellos ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte des Museums, das sich mit Nolde einen lang gehegten Wunsch zur Feier seines 20-jährigen Bestehens erfüllt und zugleich an seinen Gründer erinnert: Der norddeutsche Maler war einer der Favoriten von Henri Nannen, dessen Todestag sich gestern zum zehnten Mal jährte (1913–1996). Mit 35 Werken ist Nolde in der Expressionismus-Sparte der Sammlung Nannens am stärksten vertreten.

Trotz des Umfangs der Präsentation hat sich die Kunsthalle mit ihrer Nolde-Schau nicht im Beliebigen verzettelt, sondern hat sich auf ein Thema konzentriert, das eine zentrale Rolle im Werk des Künstlers einnimmt und bisher noch in keiner Ausstellung ausführlich beleuchtet wurde: die „Paare“. Die Zahl der Variationen ist dabei schier unerschöpflich: Neben den klassischen Doppelporträts finden sich mythische Paare, Flirtende im Café, paarweise dargestellte Kinder, exotische Tänzerinnen oder alte Bauern im Zelt, Mann und Frau, Bruder und Schwester, Freund und Freundin, Alter und Jugend, die unterschiedlichsten Typen und Charaktere, von Nolde mit allen erdenklichen Aspekten menschlicher Beziehungen und Emotionen ausgestattet. Noch das kleinste Gefühl erschien dem Künstler bildwürdig.

Hinter all diesen Paaren, schreibt Nils Ohlsen, wissenschaftlicher Leiter der Kunsthalle, im Katalog, stoße man auf Noldes „unstillbares Interesse am Menschen schlechthin“. Ein abgeklärt-pessimistisches Menschenbild sei ihm gänzlich fremd gewesen. Ihn habe die Faszination für das „Wunder Mensch“ bewegt und „ein tiefer Glaube an das Gute“.

Den konnten ihm offenbar auch die Nationalsozialisten nicht nehmen.