EMDEN - Die CD wurde nach der Trennung von Gitarrist Blackmore aufgenommen. Steve Morse ersetzte ihn – und begeistert seither die Fans.

Von Karsten Krogmann

EMDEN - Eines Tages hatte Herr Blackmore, der alte Miesepeter, keine Lust mehr, zur Arbeit zu gehen. Geld hatte er genug, also kündigte er seinen Job als Gitarrist bei der Firma Deep Purple. Er wollte fortan lieber die Geschicke des Konkurrenzunternehmens Rainbow leiten, verkündete er. Das hat schon einmal ganz gut geklappt, Deep Purple musste damals vorübergehend Insolvenz anmelden.

Peng. Ian Paice ballert gegen sein Schlagzeug. Das Publikum, das gerade noch artig geklatscht hat, hält erschrocken den Atem an. Die Orgel kreischt auf, Ian Gillan schreit ins Mikrofon. „Fireball“ heißt der Song, er ist seit 1971 so eine Art Fitnesstest für Rockmusiker. Peng, Basssolo. Peng, Orgelsolo. Und dann nimmt plötzlich die Gitarre tüchtig Anlauf, Steve Morse rast pfeilschnell das Griffbrett hinauf. Das Publikum johlt; tschüss, Herr Blackmore, viel Spaß bei Rainbow.

Der Kalender zeigt das Jahr 1996 an. Die Fans sind zum Jazzfestival nach Montreux gekommen, um Abschied zu nehmen von einer Band, die Rockgeschichte geschrieben hat. Und nun steht da dieser langhaarige Gitarrist auf der Bühne und spielt Töne, von denen Herr Blackmore nicht einmal weiß, dass es sie überhaupt gibt. Gillan feixt und stubst seinen Bassisten Roger Glover an, Ian Paice kichert, und Jon Lord fühlt sich herausgefordert: Immer wieder stürzt er sich ins Solo-Duell mit Steve Morse, gibt vier Take vor, zwei, einen, verliert mal, gewinnt mal.

„Live At Montreux“ (Eagle Records) ist ein einzigartiges Tondokument, weil es zeigt, dass in der Rockmusik Herz und Bauch wichtiger sein können als der Kopf: Deep Purple hatte mit Ritchie Blackmore zwar den Kopf verloren, dafür aber den Spaß an der Musik wiedergefunden. „Black Night“, „Woman From Tokyo“, „Speed King“ – die Band tollt ausgelassen über den historischen Bolzplatz, Ian Gillan verwandelt sogar die tränensüße Ballade „When A Blind Man Cries“ torsicher. Natürlich darf man nicht mit einem mikrofeinen Stimmgerät daneben stehen, wenn er sich in alte Höhen quält. Aber das Grinsen in seiner Stimme gleicht jeden Wackler aus.

Zehn Jahre später ist Deep Purple immer noch unterwegs. Organist Jon Lord, inzwischen 65 Jahre alt, hat ebenfalls gekündigt, weil er mehr Zeit für die klassische Musik haben wollte. Damit hat die Band ihren zweiten Kopf verloren, aber die Spielfreude im Bauch ist geblieben. Don Airey hat den Job übernommen; „ich hatte immer davon geträumt, Jons Nachfolger zu werden“, verriet er. Airey hat früher für Gary Moore, Ozzy Osbourne und Rainbow gearbeitet.

Apropos: Weiß eigentlich jemand, was aus Ritchie Blackmore und seiner Firma Rainbow geworden ist?