EMDEN - Sollte es wirklich das Gespenst der Klassik-Krise geben, dann treibt es seinen Spuk nicht im deutschen Nordwesten. Um den „Musiksommer in Ostfriesland“ schlägt es regelmäßig einen Bogen, auch um den 24., der an diesem Sonntag mit dem Finalkonzert in Emden zu Ende ging.
Belohnt wurde von den Zuhörern der Wagemut, sich auch auf ungewöhnliche Konzerte einzulassen. Das bedeutsamste mag das in Bagebur bei Norden mit Werken gewesen sein, die im Nationalsozialismus verfemt waren. Und so tut es auch dem großartigen Gesamteindruck keinen Abbruch, wenn ausgerechnet zum Abschluss mit Beethovens Violinkonzert und der 2. Sinfonie von Brahms in der ausverkauften Johannes a Lasco Bibliothek programmatisch eher auf Sicherheit gebaut wird.
Franziska König meidet als Solistin auch musikalisch im Beethoven-Konzert das Risiko. Sie setzt ihren elektrisierenden und vor allem im Piano fein tragenden Ton für eine klassisch-edle Lesart ein. Ihr Tempo, zum Beispiel, liegt in der Mitte zwischen Stürmern und Drängern sowie zerdehnenden Romantikern. Gut 16 Minuten müsste es nach den mittlerweile als plausibel anerkannten Metronom-Vorgaben des Komponisten bis zur Kadenz im ersten Satz dauern. Manche halten sich auch 22 Minuten lang auf. Die Geigerin kommt nach knapp 19 Minuten an und bedient sich dann der Kadenz von Joseph Joachim.
Im Larghetto, fast im Adagio-Tempo zelebriert, und im Rondo-Finale bleibt die Absicht spürbar, sich von der Musik tragen zu lassen. Doch die Spur von Vorsicht, ja nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, sperrt jene Gefahren, die hinter drohenden Tonwiederholungen und Trugschlüssen lauern, von vornherein aus. Das verhindert einen noch spannenderen Diskurs.
Wie man abhebt und das Publikum mit auf einen weiten Flug nimmt, zeigt die Deutsch-Niederländische Kammerphilharmonie mit ihren 50 Musikerinnen und Musikern in der Sinfonie. Bremse los und auf zu einem entschlackten, luftigen, aber gleichwohl wuchtigen Brahms!
Dirigent Otis Klöber lässt dem D-Dur-Werk jene Schwerkraft, die es immer wieder in eine hauchfeine Moll-Stimmung hineinzieht. Auf dem kurzen Dienstweg wird das dichte Geflecht der thematischen Bezüge, Entwicklungen und Verknüpfungen entwirrt. Dank Klöbers Kunst des fließenden Übergangs hält das ebenso kraftvolle wie intime Werk seine Balance – und das junge Orchester muss im stürmischen Beifall zwei Zugaben nachschieben.
10 000 beim Musiksommer in Ostfriesland
Wie im Vorjahr
kamen 10 000 Besucher zu den Konzerten des drei Wochen dauernden „Musiksommers in Ostfriesland“. Das entspricht bei 51 Konzerten einem Durchschnitt von knapp 200 Besuchern pro Konzert.Künstlerischer Leiter ist Prof. Dr. Wolfram König.
Vom 17. Juli
bis zum 9. August wird der 25. Musiksommer 2009 dauern. Das Programm bleibt jedoch noch ein Geheimnis. Geplant sind im Jubiläumsjahr auf jeden Fall Auftritte von Künstlern, die schon in früheren Jahren Zeichen gesetzt haben.10 000 beim Musiksommer in Ostfriesland
