Oldenburg - Der Raub Helenas von Sparta durch Paris, Sohn des trojanischen Königs Priamos, ist Thema zweier großformatiger Gemälde, welche der italienische Barockmaler Antonio Zanchi (1631– 1722) zwischen 1700 und 1710 malte und die ab 1890 Teil der Großherzoglichen Gemäldegalerie in Oldenburg waren. Während die „Entführung der Helena“ in der Huntestadt blieb, musste die „Einschiffung der Helena“ erst wieder ihren Weg durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Oldenburg zurückfinden.
Der am 6. Dezember 1631 im venezianischen Este geborene Antonio Zanchi zählte zu den sogenannten Tenebrosi, die sich an der kraftvollen und kontrastreichen Hell-Dunkel-Malerei Caravaggios orientierten. Seine ausdrucksstarken Malereien zeichnen sich durch einen beeindruckenden Naturalismus aus und zeigen theatralisch inszenierte Bildwelten mit christlichem und mythologischem Hintergrund, die den Betrachter durch die Dramatik in ihren Bann ziehen und deren Pathos durch ein effektvolles Bühnenlicht gesteigert wird.
Die „Einschiffung der Helena“ zeigt eine Momentaufnahme der Entführung, die als mythologischer Ausgangspunkt des Trojanischen Krieges gilt und auf das sogenannte Urteil des Paris zurückgeht. Dieser hatte einen Streit zwischen Aphrodite, Pallas Athene und Hera geschlichtet und Aphrodite zur Siegerin erklärt, da diese dem Prinzen die Liebe der schönen Helena, Gemahlin von Spartas König Menelaos, versprochen hatte.
Als Paris im Auftrag seines Vaters nach Sparta reiste, verliebte er sich in Helena und entführte sie nach Troja. Zanchis großformatige, theatralisch komponierte Szene zeigt das trojanische Schiff, das die Königin Spartas soeben aufgenommen hat und in See sticht. Die entblößte Brust Helenas veranschaulicht die Dramatik der Aktion, zudem künden die aufgebrachte See und der wolkenverhangene Himmel von dem nahenden Unheil, das Paris’ Freveltat über die Welt der klassischen Antike bringen wird.
In distanzloser Nahsicht fokussiert die Darstellung den Blick auf die kompakt angeordnete Gruppe der Bildakteure, deren kräftige und derbe Körper vor allem durch ihre plastische Modellierung und ihre dynamische Bewegtheit auffallen. Bemerkenswert ist auch die Provenienz des Gemäldes, das 1919 in den Bestand des Landesmuseums überging, bis es im März 1943 im Tausch an den Bremer Kunsthändler Heinrich Glosemeyer gegeben wurde.
Dieser veräußerte das Bild am 29. Januar 1944 an Hermann Voss, der als „Sonderbeauftragter der Sammlung Linz“ für den Bestand des geplanten „Führermuseums“ zuständig war. Im Sommer 1945 wurde Zanchis Gemälde von den Amerikanern sichergestellt und in den „Central Collecting Point“ München überführt, wo Kunstwerke mit unbekannter Herkunft gesammelt wurden. Nachdem kein rechtmäßiger Eigentümer ermittelt werden konnte, gelangte das Bild in das Ressortvermögen der Bundesfinanzverwaltung, welche den „Restbestand CCP“ im Verlauf der 1960er Jahre öffentlichen Museen als Dauerleihgaben zur Verfügung stellte.
Auf diesem Weg gelangte Zanchis „Einschiffung der Helena“ zurück ans Landesmuseum Oldenburg, wo es seitdem wieder zu sehen ist.
