Berlin - „Zehn sind manchmal wie Zehntausend“ betitelte eine Zeitung in Westdeutschland 1982 einen Artikel über ein Dutzend Menschen in Jena, die sich zu einer Schweigeminute für den Frieden auf dem Marktplatz einfanden. Man verhaftete sie.
Aber der Artikel in West-Berlin führte zu Rundfunkmeldungen, die ihre Botschaft nicht nur nach Jena trugen. Je mehr Kontrolle ein Staat beansprucht, desto gefährlicher sind offenbar Demonstrationen für sein Selbstverständnis. Sie widerlegen den Wahn seiner Kontrollhoheit.
In jeder größeren Stadt der DDR fanden damals am 1. Mai offiziell organisierte Volksaufmärsche statt. Auch, um die Leute demomäßig an solchen Tagen zu beschäftigen. Und ihnen durch Teilnahmezwang (Aussprachen im Betrieb bei Nicht-Erscheinen!) die Lust am zwanglosen Demonstrieren auszutreiben.
Es gab in den Achtzigern einen, der ging einmal mit selbst gebasteltem Plakat zur Kundgebung am 1. Mai. Das Plakat war vorn und hinten – weiß! Festnahme, Verhöre. Es ging nicht um das Geschriebene oder Gerufene, sondern um Möglichkeiten des Gemeinten, des wirklich Gewollten. Brutale Diktaturen oder Machthaber, die durch befohlene Gewalt zum Diktator mutieren, reagieren oft enthemmt aggressiv – wir sehen es in diesen Tagen etwa in der Ukraine.
Zum totalitär inspirierten Allmachtanspruch neigende Systeme versuchen um fast jeden Preis, ihre Machtmittel zu verbergen und es zu keiner koordinierten Demonstration auf der Straße kommen zu lassen. In die willfährigen Parlamente kann man sich Einzelne hineinkaufen, in die Machtapparate aufsaugen und korrumpieren – der öffentliche Raum ist aber unberechenbar in seinen Auswirkungen. Dabei hatte das Wunder von Leipzig 1989 Vorübungen bei kleineren Öko- und Umweltdemonstrationen, bei Spaziergängen, die Demonstriergänge wurden. Und es brauchte in Leipzig ein Jahr Vorarbeit, Montag für Montag, bis sich die Protestierenden in der Kirche und auf der Straße vor der Kirche behaupten konnten.
1989 gab es in der DDR überhaupt viele Wochenend- oder Feierabenddemonstrationen – montags nach Arbeitsschluss. Das ist schon sehr deutsch, aber gleichzeitig klug und vorausschauend. Die Erregung zügelt sich durch das Erfolgsbewusstsein, sich schon auf der Straße zu halten. Und alle ahnten damals: Das hier darf kein blutiger Aufstand werden. Die Leipziger und Plauener und all die anderen demonstrierten 1989 eben auch die eigene Disziplinfähigkeit.
Auf Außenstehende aus Ländern mit jahrzehntelanger leidenschaftlicher Auseinandersetzungserfahrung mit dem Staat mag das alles sehr gedämpft und gehemmt gewirkt haben, wie sich am 9. Oktober 70 000 Menschen in Leipzig zusammenfanden. Trotz der Gerüchte über bereitgestellte Blutpräparate und Leichensäcke – und in einer gar nicht auftrumpfenden Entschlossenheit die Straße beanspruchten. Noch mit viel Angst vor den Folgen, aber beseelt von der Überwindung der eigenen Angst.
Tage später trat der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker zurück, das Machtdomino kippte Stein für Stein. Wo einer klemmte, stupsten die Demonstranten helfend nach.
