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Porträt Erfolgreich ohne zu provozieren

Horst Hollmann

Oldenburg/Erfurt - Nehmen wir mal an, dass die Behauptung stimmt: Die Oper ist die große Kunstform des 21. Jahrhunderts! Dann wagen wir forsch die Vermutung: Lydia Steier könnte eine ihrer fantasievollsten Gestalterinnen werden.

Lydia Steier – das ist jene Regisseurin, die mit ihrer Oldenburger Inszenierung von Händels „Saul“ Aufsehen erregt. Sie hat diesen Zwitter aus Oper und Oratorium im Mai 2011 für die Ausweichspielstätte Fliegerhorst inszeniert. Jetzt im Oktober ist das Werk ins Große Haus des Staatstheaters umgesetzt worden. Dazwischen wurde Steiers Entwurf für den „Faust“-Preis benannt.

Kopfzerbrechen

Die höchste Auszeichnung für „wegweisende Produktionen auf deutschen Bühnen“ wird am 10. November in Erfurt vergeben. Egal, wer von den drei unabhängig benannten Kandidaten den Preis in der Kategorie „Musiktheater“ von der Akademie der darstellenden Künste letztlich zuerkannt bekommt: „Schon die Nominierung gilt wie beim Oscar als Auszeichnung, als tolle Bestätigung unserer Arbeit“, sagt Generalintendant Markus Müller.

„Saul“ als Parabel über den unaufhaltbaren Wandel von Leben und Gesellschaft hat Steier einiges Kopfzerbrechen bereitet. Halle 10 mit der riesigen Bühne hielt als Provisorium profane Tücken vor. Es gab keine Seitenbühnen, keine Versenkung, keine Hebevorrichtungen. So lässt sie in „Saul“ die äußerlich prunkende Welt nicht mit Hilfe technischer Theatermittel versinken. Sie wird vom Volk aus den Angeln gehoben, indem es selbst die Kulissen wegträgt. Genial wird der Prunk der Welt entsorgt.

Etwas Pompöses auf die Bühne zu stellen, zählte zu den Grundgedanken. Da verlässt die 34-Jährige, die 2002 aus Hartford in den USA nach Deutschland kam, die Linie eines ihrer Regie-Lehrmeister, Calixto Bieito. Sie erheischt nicht mit Provokationen Aufsehen: „Ich fühle mich nicht gezwungen, Leute zu beleidigen.“ Sie könne Geschichten und Anliegen besser vermitteln, wenn das Publikum mitgehe, statt sich irritiert zu verschließen.

Zeitlose Botschaft

Ihre Inszenierungen zwischen München, Bremen, Los Angeles, Bern oder Komischer Oper Berlin und Semperoper Dresden, zwischen „Lohengrin“, „Don Giovanni“, „La Boheme“ oder „Lustige Witwe“ blühen inmitten vielschichtiger, anregend zu dechiffrierenden Bildern und Metaphern. Unter den Farben werden Feinheiten nicht verkleistert, steht Grau für besondere Brüche. Auch Janáceks „Katja Kabanova“, von Steier ins Große Haus gebracht, verrät solche Qualitäten.

Barockmusik wie die Händel'sche von 1737 fasziniert sie: „In ihr liegt diese Sehnsucht nach dem Vergangenen, die uns im Jetzt überkommt, diese Nostalgie, diese Trauer.“ So klingt ihr künstlerisches Glaubensbekenntnis schon recht radikal: „Es gibt keinen jetzigen Moment in diesem Leben, es gibt nur Vergangenheit und Zukunft.“ Zwischen diesen Polen bringt sie Spannung und Reibung zum Knistern.

Auch im „Saul“ hat ästhetische Schönheit auf der Bühne keine rein dekorative Dimension. Sie stürzt aus der großen Höhe der Vergangenheit und zerbricht in der Tiefe der Zukunft. „Man kann die Zukunft nicht verbieten oder ihre Hoffnungsträger töten“, fasst Steier zusammen. „Das ist eine zeitlose Botschaft an alle Menschen, Gesellschaften und Herrscher.“

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