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NWZonline.de Nachrichten Kultur

FERNSEHEN: Erfolgsgeschichte einer Kopie

03.12.2005

KöLN „Coronation Street“ heißt die eglische Version. Sie hält inzwischen alle Weltrekorde im Serien-TV-Bereich.

Von Dierk Strothmann KÖLN - Man muss schon tief in der Geschichte des Fernsehens graben, um an die Wurzeln der „Lindenstraße“ zu gelangen. Es ist nämlich am 8. Dezember nicht nur beachtliche 20 Jahre her, dass die Endlos-Soap erstmals gesendet wurde, nein, man muss noch einmal 20 Jahre weitergehen, genau bis zum 9. Dezember 1960. Denn an jenem Tag strahlte der englische Sender ITV erstmals „Coronation Street“ aus, die britische Version dieses „Dallas für Arme“, wie es ein spöttischer Kritiker einmal nannte.

Warum der „Erfinder“ der „Lindenstraße“, der renommierte Regisseur Hans W. Geißendörfer, und der produzierende Sender WDR zwei Jahrzehnte brauchten, um die Idee in England abzukupfern, ist ihr Geheimnis, aber beide Sendereihen sind unbestritten und nach wie vor grandiose Erfolge – in Deutschland und in England. Dass „Coronation Street“ inzwischen alle Weltrekorde im Serien-TV-Bereich hält, ist selbstverständlich.

Aber damit wir uns nicht allzu sehr schämen müssen, dass wir alle guten Fernseh-Ideen (wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ oder Harald Schmidt’s Talkshow) im Ausland klauen müssen, können wir uns damit trösten, dass es schon in den 50er-Jahren im deutschen Fernsehen eine erste Familienserie gab, die bereits erstaunlich viele Eckpfeiler der späteren „Lindenstraße“ besaß.

Sie hieß „Unsere Nachbarn heute Abend – die Schölermanns“, in der dem Fernsehzuschauer (allzu viele waren es damals noch nicht) vorgegaukelt wurde, es handele sich um eine richtige Familie, in der die Kamera live Mäuschen spielt. Das gelang so gut, dass Vater Schölermann, als er arbeitslos wurde, waschkörbeweise (die gab es damals noch) Jobs angeboten bekam (die gab es damals auch noch).

Bei der „Lindenstraße“ war von vornherein klar, dass es sich nicht um ein Stück „Reality-TV“ handeln würde, dass es keine „Lindenstraße“ in München gibt, kein „Café Bayer“, keinen Griechen und auch keine Klingel, an der „Beimer“ steht. Und dass die Geschichten, die den Bewohnern passieren, allesamt erfunden wurden, um den Menschen ein Stück Alltagsleben vorzuführen. Dabei wurde manch ein Tabu gebrochen, wie etwa ein erster gleichgeschlechtlicher Kuss im Deutschen Fernsehen (woraufhin sich Bayern ausblendete). Aber es wurden auch heiße Themen wie Ausländerhass oder Behindertenbenachteiligung angefasst. Dass dies fast immer aus einer politisch eher im linken Spektrum angesiedelten Sicht geschieht, hat den Produzenten schon öfter Ärger bereitet.

Die „Lindenstraße“ wurde Kult und einige ihrer Bewohner zu Stars – die meisten in der „Lindenstraße“ wie Marie-Luise Marjan, Annemarie Wendl, Knut Hinz oder Andrea Spatzek, andere außerhalb wie Til Schweiger und Georg Uecker, der zur Zeit als Spiritus Rector der „Schillerstraße“ von sich reden macht.

Eines steht fest: Die „Lindenstraße“ hat sich trotz aller Versuche anderer Sender, sie zu kopieren („Marienhof“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) einen festen Platz im Herzen der deutschen Fernsehzuschauer erobert. Das liegt sicher auch daran, dass sich alle anderen fast ausschließlich auf junge Zuschauer konzentrieren, in der „Lindenstraße“ aber alle Altersschichten ihren Platz haben. Man kann ihr nur wünschen, dass sie so lange lebt wie ihr englisches Vorbild.

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