Zetel - Der Zug, in dem Hermann Globisch mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern in Friesland ankam, hatte seine Endstation in Neuenburg. „Wir kamen zu Jacobs. Der ganze Saal lag voller Stroh. Als ich da angekommen bin, habe ich zwei Tage lang durchgeschlafen“, erzählt der 83-Jährige aus Zetel. In Neuenburg konnte der damals 14-Jährige zum ersten Mal wieder richtig durchatmen.
Bilder bleiben für immer
Jetzt, wo im Fernsehen Tag ein, Tag aus Meldungen und Geschichten von Flüchtlingen gesendet werden, kommen bei Hermann Globisch viele Erinnerungen wieder hoch. Im Fernsehen ist die Rede von Kriegstraumata der Flüchtlinge. Und Hermann Globisch weiß genau, was das bedeutet. „Die Dinge, die ich bei Kriegsende gesehen habe, haben mich niemals losgelassen. Es ist erst besser geworden, seit ich angefangen habe, alles aufzuschreiben“, sagt er.
Wo fährt der Zug hin?
Zuerst wollten die Eltern mit ihren Kindern fliehen. „Wir haben alles gepackt und waren schon am Bahnhof. Aber da standen nur offene Güterwaggons, und es war minus 22 Grad. Wir wären unterwegs erfroren.“ Also ist die Familie zurück zur Wohnung. Im Frühjahr stand dann ein Lastwagen vor der Tür.
„Es war eine Miliz. Wir mussten raus aus der Wohnung. Wir wurden vertrieben. Wir hatten zwanzig Minuten, um unsere Sachen zu packen“, sagt Hermann Globisch. Zwanzig Minuten, um ein paar Habseligkeiten einzupacken, sich für immer von der Heimat zu verabschieden und in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen.
Tagelang verbrachten die Vertriebenen – fast alles Frauen mit vielen Kindern – in einem Lager. In Güterwaggons ging es weiter. Vierzig Leute in jeden Wagen, Tür zu. „Alle hatten Angst, dass der Zug nach Russland fährt. Aber ich hatte eine Karte von Deutschland in meinem Schuh versteckt und habe gewusst, dass es nach Westen ging.“ Wenn der Zug anhielt, rannte der Junge zu umliegenden Häusern, um nach Essen zu fragen. Einmal hätte er den Zug, in dem seine Mutter mit seinen Brüdern saß, fast nicht mehr erreicht. Er konnte gerade noch aufspringen, der Zug war schon in Bewegung.
Als er nach Zwischenstopps in einer Kaserne und dem Lager in Friedland schließlich in Neuenburg ankam, bekam er ein Schwarzbrot mit Marmelade. Hermann Globisch strahlt über das ganze Gesicht, als er das erzählt. „Ich glaube, ich war in dem Moment der glücklichste Mensch auf der Welt.“ Dann kamen die Vertriebenen bei Jacobs in den Saal, der mit Stroh ausgelegt war. Schließlich zog die Familie Globisch ins Flüchtlingsheim im Fuhrenkamp.
Schreckliches Geräusch
Später lernte er Dachdecker, arbeitete unter anderem auf einem Munitionsräumkutter auf dem Jadebusen, lernte seine Frau kennen und gründete eine Familie.
Das Kriegsende ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. Doch an manches erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. Vor allem ein Geräusch geht ihm nicht aus dem Kopf: An seiner Wohnung in Ostoberschlesien waren KZ-Häftlinge in einem Tross vorbeigezogen, zwei Stunden lang lief der scheinbar endlose Tross beim sogenannten Todesmarsch an seinem Haus vorbei. Es ist das Geräusch, wie die Holzschuhe der Entkräfteten über die Straße schlurfen.
