Oldenburg - Alexander Goldschmidt wurde 1879 in Sachsenhagen geboren und führte seit 1911 ein renommiertes Modegeschäft in Oldenburgs Innenstadt, Schüttingstraße Ecke Achternstraße. Zwischen 1914 und 1918 kämpfte der überzeugte Patriot an drei verschiedenen Fronten im 1. Weltkrieg. Als er endlich nach Hause kam, erkannte ihn sein fünfjähriger Sohn Günther nicht mehr. Günther wurde schon sehr früh von seiner musikbegeisterten Mutter in Konzerte im Staatstheater und im Schloss mitgenommen. Später, von 1934 bis 1941, war er Flötist im Orchester des Jüdischen Kulturbundes. Dort lernte er seine spätere Frau, Rosemarie Gumpert, kennen, mit der er 1941 in die USA fliehen konnte. Der gemeinsame Sohn Martin Goldsmith wurde 1952 in St. Louis geboren. Als Autor schrieb er auf der Spurensuche nach seinen Vorfahren das Buch „Die unauslöschliche Symphonie – Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches“. Diese deutsch-jüdische Geschichte wird demnächst vom dänischen Dokumentarfilmer Anders Östergaard verfilmt.

Im Rahmen des „Erinnerungsgangs“ gestalteten vierzehn Musiker aus Oldenburg und umzu ein außergewöhnliches Konzert in der Kirche St. Stephanus mit einem Musikprogramm, das vor allem aus Einzelstücken bestand, die im Buch von Martin Goldsmith vorkommen. Verbunden wurden die Einzelsätze und Lieder durch elektronische „Soundscapes“ von Roma Long, die Lebenssituationen und Impressionen wie etwa Zuggeräusche und Marschgeräusche aufgreifen und mehr oder weniger subtil eingepasst in den Fortgang der Ereignisse, die durch die Lesung von Textstellen aus dem Roman vorangetrieben werden, die Atmosphäre aufgreifen und verdeutlichen.

Im Zentrum aber steht die Liebe zur Geliebten und zur Musik. So kommt Günther Goldschmidt am 9. November 1938 mit dem Zug in Düsseldorf an. Vorbei an den rauchenden Trümmern der geschändeten Synagoge, auf dem Weg zu seiner Geliebten, trifft er auf das Robert-Schumann-Haus, in dessen Parterre eine jüdische Kunstgewerblerin Vogelfiguren aus Ton und aus Gips herstellte und verkaufte. Scheiben, Töpferscheibe und Figuren liegen zerschlagen am Boden, die beiden getöteten Kanarienvögel kleben an der Wand. Als er im Haus seines späteren Schwiegervaters eintrifft, wird er aufgefordert, Beethovens „Serenade“ op. 25 mit seinen Gastgebern zu spielen. Nicht die Angst vor dem marodierenden Mob, sondern die unverbrüchliche Liebe zur großen deutschen Musik bestimmt die Zusammenkunft.

Das ebenso eindringliche wie bedrückende Konzert endet mit einem Werk von Ronald Poelman: „Weiterleben – Weitergeben für Klarinette, Violine und Klavier“ (2016) strahlt Zuversicht aus, ohne das Dunkle abzublenden. Die letzte Soundscape greift den Endton der Geige auf und verlängert ihn als elektronischen Liegeton in die Zukunft.