Reekenfeld - Die Erinnerungen begleiten Ingrid Groothoff schon ihr ganzes Leben. Mit dem Zug flüchtete ihre Familie damals von Breslau in den Norden Deutschlands. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann Lothar in Reekenfeld. Mittlerweile hat die fünffache Mutter elf Enkelkinder und einen Urenkel.
Es war der 23. Juli 1946. „Wir sind mit dem letzten Zug losgefahren“, sagt die Reekenfelderin. Sie war damals sechs Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Urgroßvater, den Großeltern und ihrer Tante verließen sie ihre Wohnung, Freunde und Heimat. „Sonst wären wir eingekesselt worden.“ Ihr Urgroßvater sei damals 81 Jahre alt gewesen, sagt Groothoff. Ihren Vater Paul hatte sie im Alter von einem halben Jahr zum letzten Mal gesehen. Er gilt bis heute in Stalingrad als vermisst.
In Heimat gewesen
Vor drei Jahren sei sie seitdem das erste Mal wieder in ihrer alten Heimat gewesen, berichtet Groothoff. „Die Straßen waren dieselben, aber früher waren Linden dort.“ Auch das Haus, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hatte, gibt es noch.
Wie lange sie damals mit dem Zug unterwegs waren, wisse sie nicht mehr. „Man hat als Kind nicht so ein Zeitgefühl“, so Groothoff. Sie habe während der Fahrt viel gespielt. „Wenn wir Halt gemacht haben, bin ich am Zug entlang gelaufen und habe Margeriten gepflückt“, erinnert sich die Reekenfelderin.
Auf Decken und Säcken
Im August kamen sie in Barßel an. Dort mussten sie aussteigen, weil die Bahnbrücke in Elisabethfehn gesprengt war. Von Barßel aus ging es mit dem Pferdewagen weiter Richtung Idafehn. „In Wittensand standen Frauen auf der Straße“, sagt Ingrid Groothoff. Die ganze Strecke über seien Sie gut behandelt worden, doch dort hätten die Menschen am Straßenrand sie angespuckt und beschimpft. „Ihr Läusepack, Ihr Polenpack, geht dort wieder hin, wo ihr hergekommen seid“, hätten sie gerufen. „Das sitzt bis heute. Das war schon schlimm“, so Groothoff.
In Idafehn kamen sie mit mehr als 100 weiteren Menschen in einer Gaststätte unter. In dem Saal der Gastwirtschaft schliefen sie auf Decken und Strohsäcken. Tage später gingen sie nach Wittensand in eine Grundschule.
Anfangs mit zehn Personen, später teilten sie sich zu sechst ein Zimmer. In dieser Schule wurde Groothoff auch eingeschult.
Ihre Mutter verdiente als Schneiderin Geld. Sie seien freundlich aufgenommen worden. Eine Lehrersfrau kochte der Familie Erbsensuppe. Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft hat für die Kinder Stuten mit Apfelmus darauf gebacken. „Ich schmecke noch heute, wie gut er war“, schwärmt die Seniorin.
Bis heute habe sich ein Erlebnis in ihre Erinnerung eingebrannt. Ihr Großvater habe auf dem Boden liegende Ähren in einem nahe gelegenen Feld aufsammeln wollen. Dabei sei er von einem Jugendlichen erwischt und schwer verprügelt worden, sagt Groothoff. Sie habe alles mit ansehen müssen. „Es war das allerschlimmste Erlebnis dieser Zeit.“
Erneut geheiratet
In Wittensand lernte ihre Mutter Annemarie auch ihren zweiten Mann Heinrich kennen. Er arbeitete als Baggermeister in einer Nassbaggerei in Cuxhaven. In dieser Zeit wurde ihre Schwester Liane geboren. Nach zwei Jahren zog die Familie in eine kleine Wohnung nach Strücklingen.
Am 28. Oktober 1950 heirateten Annemarie und Heinrich. Groothoffs Urgroßvater ging zu seiner Tochter nach Bayern. Ihre Großeltern und ihre Tante wohnten noch eine Weile in der Schule, bevor sie nach Elisabethfehn zogen. 1954 kam ihr Bruder Hein-Peter zur Welt.
