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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Zupackende Familienliebe macht Mut

21.12.2018

Essen „Liebevolles Umfeld“ schreibt die nette Frau Höltermann vom Jugendamt auf das Bewertungsformular. Am Kaffeetisch hat sie sich gerade davon überzeugt, dass der achtjährige Hans-Peter nach dem grauenvollen Suizid seiner Mutter bei seinen Großeltern in guten Händen ist. Zuvor hatten die drei den Besuch geübt -–Frau Höltermann durfte nicht merken, dass Oma Bertha (Ursula Werner) Hüfte hat und Opa Hermann (Rudolf Kowalski) nicht mehr gut sieht. Eine aufschlussreiche Szene im neuen Film „Der Junge muss an die frische Luft“ von Oscar-Preisträgerin Caroline Link.

Kindheit im Ruhrgebiet

Vorlage ist die Autobiografie von Hans-Peter „Hape“ Kerkeling. Er beschreibt darin die entscheidenden, weil tragischen Jahre seiner Kindheit im Ruhrgebiet. Am 25. Dezember kommt der berührende Film in die Kinos. Überragend: der zehnjährige Julius Weckauf als achtjähriger Hans-Peter.

In den ersten Jahren ist die Welt des kleinen, leicht übergewichtigen Jungen noch in bester Ordnung. Eingebettet in eine herzensgute, „feierwütige“ Verwandtschaft prägen ihn Anfang der 1970er Jahre vor allem seine Großmütter: Oma Änne (Hedi Kriegeskotte), die in Herten-Scherlebeck einen kleinen Lebensmittelladen betreibt, und Oma Bertha, die später die Erziehung übernimmt. Auf der Straße spielen Kinder die Fernsehserie „Bonanza“ nach. Hans-Peter darf mitspielen – und bekommt die Rolle des kräftigen Hoss zugewiesen.

Eines Tages kauft Oma Änne dem kleinen Hans-Peter und seinem Bruder zwei große Pferde. Der Siebenjährige kann noch nicht reiten. Macht nix. „Wenn du weißt, was du willst, Hans-Peter, dann mach es einfach, und kümmere dich nicht darum, was die Leute sagen“, raunt die Oma ihrem Enkel zu, der später die Republik mit „Hannilein“, „Hurz“ und „Horst Schlämmer“ zum Lachen bringt. Und noch einen Satz der Oma nimmt sich der Junge zu Herzen: „Aus dir wird mal was ganz Besonderes werden. Du wirst berühmt.“ Oma sollte Recht behalten.

In das Leben von Hans-Peters Mutter (Luise Heyer) schleicht sich eine schwere Depression. Doch immer wieder schafft es der Junge, sie zum Lachen zu bringen mit irre komischen Nachahmungen. Etwa von zuvor genau beobachteten Kundinnen in Oma Ännes Laden, die gern über Krankheiten und Beziehungen anderer sprechen. Nur noch ein Schatten ihrer selbst, verabschiedet sich die Mutter eines Abends vom fernsehenden Hans-Peter und geht zu Bett. Ohne Kuss und ohne Umarmung.

Ein paar Tage später stirbt sie im Krankenhaus. Drastisch zeigt der Film, wie die Mutter im Bett mit dem Tode ringt, neben sich den völlig verstörten Achtjährigen. „Was hat Mama mir da Schreckliches angetan? Ob ich ihr das jemals verzeihen kann? Es wird sehr, sehr lange dauern“, schreibt Hape Kerkeling 2014 in seinem Buch – das er seiner Mutter gewidmet hat.

Viel Mutterwitz

Beerdigung. Neuanfang. „Das Leben muss ja irgendwie weitergehen“, parodiert Hans-Peter – Wochen später und äußerst komisch – als Frau verkleidet einen von der Verwandtschaft arrangierten Damenbesuch bei seinem Vater, der gründlich in die Hose geht. Am Ende schlägt der Film einen Bogen in die Gegenwart.

Caroline Link ist ein Film gelungen, der trotz aller Tragik große Zärtlichkeit, zupackende Familienliebe und Hoffnung zeigt. Der einen besser verstehen lässt, wie und warum Hape Kerkeling (54) zu einem Humoristen wurde. Julius Weckauf, der in einem Casting aus 5000 Bewerbern ausgewählt wurde, erweist sich als Glücksgriff. „Der Julius ist wirklich so, als hätte man sich ihn gebacken“, sagt Hape Kerkeling. Und Julius selbst? Ein freundlicher Junge aus Jüchen-Hochneukirch am Niederrhein, der mit viel Mutterwitz einen großen Film drehte. Und sich von seiner Gage ein Zwölf-Quadratmeter-Gewächshaus gekauft hat: „Ich hatte diesen Sommer schon sehr, sehr viel Ernte“, sagt er. „Erdbeeren, Auberginen, Tomaten, lange Gurken, kurze Gurken, Kohlrabi, Spitzkohl, Kopfsalat. Ich hatte echt sehr viel.“

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