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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Künstler Zum Thema Brexit: Europa ist kein Bulldozer, sondern ein Labor

03.06.2016

Amsterdam „Freude schöner Götterfunken“ klingt es blechern aus einem Getto-Blaster am Leidseplein mitten in Amsterdam. Nach der ersten Strophe der Europa-Hymne krächzt eine Stimme klagend aus dem Lautsprecher: „Haste mal „n paar Cents?“ Leute bleiben stehen, schauen verblüfft um sich. Ab und zu legt jemand ein Zehn-Cent-Stück auf die Untertasse, die daneben steht. Beethovens Hymne ist zur Zeit nicht gerade ein Hit in Europa.

Zwischen Pfannkuchenrestaurants und lärmenden Terrassen hört man am Mittwochabend hier und da im Vergnügungsviertel Amsterdams bekannte europäische Melodien. Es ist eine Installation des niederländischen Künstlers Dries Verhoeven: „Songs for Thomas Piketty“. Er bringt die Feststellung des berühmten französischen Philosophen über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Europa auf die Straße.

Die „Songs“ sind Teil des Programms des Forums zur europäischen Kultur. Namhafte Dichter und Denker Europas treffen sich bis zum Freitag in der niederländischen Hauptstadt unter dem Motto: „Re:Creating Europe“. Es geht um ihre Rolle in diesen schweren Zeiten für den Kontinent: Schuldenkrise, Flüchtlinge, neue Grenzen, Rechtspopulisten, Brexit.

Europa kann Hilfe gebrauchen in diesen schweren Zeiten. „Wir dürfen Europa nicht den Beamten und Politikern überlassen“, sagen die Veranstalter, die auch von der niederländischen Regierung unterstützt werden, die zur Zeit die EU-Ratspräsidentschaft hat.

Doch was können sie tun? Zu den Dichtern und Denkern gehören etwa der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski, der niederländische Star-Architekt Rem Koolhaas, der ungarische Autor György Konrád, der österreichische Filmregisseur Ulrich Seidl - und der britische Filmstar Jude Law und sein deutscher Kollege Lars Eidinger in einem Stück des niederländischen Regisseurs Ivo van Hove.

„Nationalismus ist Krieg“, deklamierte Jude Law auf der Bühne im De La Mar Theater. Der Filmstar schlüpfte in die Rolle von Winston Churchill - aber ohne Bauch und Zigarre. Sein deutscher Kollege Lars Eidinger zitiert Konrad Adenauer aus einer Europa-Rede. Der niederländische Film- und Theater-Star Halina Reijn ist Angela Merkel - im knappen weißen Minikleid.

Regisseur van Hove platzierte Europa in eine Turnhalle: Auf dem blauen Gymnastikboden liegen gelbe Kreise wie ein Basketballring oder die Europa-Fahne. Europa ist also viel Schweiß und Üben, Üben, Üben.

Das Ringen um die Einheit des Kontinents für Frieden und Wohlstand ist nicht neu. Das zeigte van Hove mit den ausgewählten Texten. Die Schauspieler deklamierten Ausschnitte berühmter Reden und Fragmente aus der Literatur von Shakespeare bis Schiller. Könige und Königinnen der großen Dramen ringen ebenso wie Kanzler und Präsidenten mit Macht und Ohnmacht. Maria Stuart neben Angela Merkel, Francois Mitterand neben Richard V.. Dazu zeigen Videobilder die Realität von heute: angespülte Leichen am Strand von Griechenland und Fackelzüge von wütenden Demonstranten.

Was ist überhaupt dieses Europa? Für die Künstler sicher nicht der oft beschimpfte Moloch in Brüssel oder die endlosen Krisengipfel der 28 Regierungschefs. „Europa ist kein Bulldozer, sondern ein Labor“, so beschwor es Architekt Rem Koolhaas. Europa sorge für Verbindung von Menschen und Kontinenten.

Und die Malerin Marlene Dumas: „Europa, das sind Geschichten und Bilder.“ Die Südafrikanerin, die seit über 30 Jahren in Amsterdam wohnt, hatte auch ihr Coming-out: „Ich bin Europäerin.“

Nationalismus ist für diese Intellektuellen ein Fremdwort. Ideen kennen keine Grenzen. Doch heute scheinen sie gegen den Strom zu schwimmen. Das aber war schon immer so, ist die Botschaft von Regisseur van Hove. Mit seinem speziell für das Forum geschriebene Stück schien er die Künstler gerade dazu aufzurufen: Schafft ein eigenes Europa.

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