Falkenburg - Jimmy fuchtelt wild herum mit seinem Plastikschwert: „Ich bin schon ganz aufgeregt“, ruft der 15-Jährige. Damit ist er nicht allein: Alle Mädchen und Jungen, die im Flur des Falkenburger Kinder- und Jugendhauses in ihren Piratenkostümen durcheinander wuseln, lassen hören oder erkennen, wie sehr sie sich auf ihre Teilnahme als Umzugsgruppe am Fasching um den Ring an diesem Sonnabend freuen.

Der Fasching erfüllt viele Zwecke – auch therapeutische: „Das gibt unseren Kindern ganz viel“, weiß Wohngruppenleiterin Astrid Tietjen, „die meisten erzählen noch sehr lange davon.“ Sonst sind die Bewohner des Hauses meistens nur in kleinen Gruppen unterwegs. Am Sonnabend hingegen macht das ganze Haus mit. So wird durch den Fasching vor allem der Zusammenhalt gestärkt in der Einrichtung der Rotenburger Werke, in der seit 2011 behinderte Kinder und Jugendliche aus ganz Niedersachsen zuhause sind. Und die seit drei Jahren am Umzug in Ganderkesee teilnimmt, jetzt also zum vierten Mal. Am Anfang stand vor allem der Wunsch, das noch junge Kinder- und Jugendhaus in der Gemeinde bekannter zu machen. Längst bedeutet den Verantwortlichen der positive Effekt für ihre Schützlinge aber viel mehr.

„Die Teilnahme am Umzug erfordert viel Vorbereitung“, erklärt Astrid Tietjen. „Wir machen vorher einen Plan, welche Kinder auf den Wagen dürfen, und schauen, wer besondere Betreuung benötigt.“ Ein Handicap haben die Kinder und Jugendlichen alle, viele sind Autisten: „Die brauchen eine andere Herangehensweise“, sagt Tietjen.

So hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass wechselnde Kostümierungen die jungen Bewohner eher irritieren. „Ihnen ist wichtig, dass die Dinge bekannt sind, dass alles möglichst gleich bleibt“, erklärt die Leiterin. Und darum ist die Umzugsgruppe aus dem Kinder- und Jugendhaus jetzt schon zum dritten Mal als „Falkenburger Piraten“ verkleidet. Das hat zudem den Vorteil, dass für die Kostüme und zum Schmücken des Kremserwagens, der vom Zucht- und Fahrstall Claußen in Wardenburg gestellt wird, so gut wie nichts neu hinzugekauft werden musste.

Mit 60 Teilnehmern ist die Umzugsgruppe größer denn je. Zu den 22 Bewohnern des Falkenburger Hauses im Alter von fünf bis 20 Jahren kommen noch eine Wohngruppe aus Rotenburg, die Betreuer sowie „Freunde des Hauses“, so Tietjen. Einige Eltern gehen ebenfalls mit.

Auch nach dem Umzug sind feste Rituale wichtig. Wenn sie zurück sind in Falkenburg, gibt es für alle eine warme Suppe. „Danach werden Fotos angeschaut“, berichtet Astrid Tietjen, „die Kinder haben dann unheimlich viel Redebedarf.“

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)