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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Fast dreistündiges Solo vergoldet Romanvorlage

04.10.2016

Oldenburg Nach der Pause wird klar: Unsere westliche Zivilisation geht unter. Das Abendland versackt. Sessel und Buchregale hängen schräg im Boden, sind nur noch halb oder zum Viertel zu sehen auf der Bühne des Kleinen Hauses im Oldenburgischen Staatstheater. Und während man sich als Zuschauer fragt, wie der Bühnenbildner Jan Hendrick Neidert die Möbel so hinbekommen hat (einfach durchgesägt?), redet der einzige Darsteller des Abends weiter im Wortrausch.

Jens Ochlast ist der Solist des Stücks „Unterwerfung“ nach dem Roman von Michel Houellebecq. Das Buch erschien in Frankreich am Tag der mörderischen Pariser Attentate auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Die Oldenburger Bühnenfassung stammt von Regisseur Peter Hailer, Schauspieler Ochlast und Daphne Ebner. Anders als andere Theater setzt man auf nur einen Darsteller. Ochlast spielt den unscheinbaren Pariser Literaturdozenten François, Huysmans-Experte an der Sorbonne, mit sich und der Welt unzufrieden und spirituell unbehaust.

Seine geistige Heimat wird am Ende, daher der Titel „Unterwerfung“, der Islam, weil Frankreich im Jahr 2022 einen islamischen Präsidenten und eine islamische Gesellschaft bekommt. Bis es soweit ist, erleben wir mit Ochlast wechselnde Gemütszustände, einen Bürgerkrieg, einen Klosterbesuch und genießerische Abendessen. Ochlast nimmt uns energisch an die Hand, bringt uns das Thema als guter Erzähler näher, schlüpft bei Dialogen mit verschiedenen Stimmen in die Personen und zieht alle Register, die man, um ein Publikum über zweidreiviertel Stunden zu fesseln, ziehen muss.

Er weiß mimisch und gestisch Pointen zu setzen. Im langweiligen Dozentenanzug sehnt er Damen in Dessous herbei und ist doch selbst später im Feinripp zu sehen. Er fläzt sich in den Sessel, um als Dandy seine Langeweile zu signalisieren. Er reibt sich die Nasenwurzel, wenn er über die Folgen der Islamisierung Frankreichs grübelt, greift sich in den Schritt, um amouröse Abenteuer zu erläutern.

Vor allem macht Ochlast eines: Er spielt trotz der Textmenge vorzüglich auf einer sich nach und nach öffnenden Bühne, die einem Studierzimmer gleicht und so zart ausgeleuchtet ist, dass sie nie vom Text ablenkt. Ochlast macht aus dem Egomanen François keine Karikatur, keinen Kranken, keinen Verrückten. Das ist ja der Kern der Sache: Er zeigt uns einen Mitteleuropäer, der sich dem Islam anpasst.

Normalerweise langweilen Romane, die zu Stücken werden. Hier ist es umgekehrt. Der Roman, der etwa 100 Seiten zu dick ist, um literarisch gut zu sein, wird durch Ochlast vergoldet. Der Abend ist spannend, aber anstrengend, er ist intellektuell, aber immer verständlich, er ist lang, aber lohnenswert. Und wichtig sowieso.


Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzolnline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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Sorbonne | Oldenburgisches Staatstheater

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