Jever - Eigentlich gehörte es sich nicht, aber Wilfried Fürlus konnte sich einfach nicht trennen: Anfang der 70er Jahre, der junge Mann besucht gerade die Handelsschule (heute BBS) in Jever, will der Vater seinen alten Mercedes loswerden. Der Sohn überredet seinen „alten Herren“ jedoch, ihm den Wagen zu überlassen – und fährt mit der für einen jungen Kerl doch recht protzigen Karosse täglich vor der Schule vor. „Das war schon etwas ungewöhnlich, die Mitschüler fuhren eher Mofa oder Käfer“, erinnert sich der heute 61-Jährige.

Sein Vater, Oswald Fürlus, hatte den Mercedes 190 Dc 1964 von Fritz Westheermann, damals Besitzer der Esso-Tankstelle in Jever, übernommen. Der hatte den Wagen gut ein Jahr zuvor, am 15. Februar 1963, als Neuwagen erstmals angemeldet. Somit feiert der Daimler an diesem Freitag 50. Geburtstag, 49 Jahre davon war er im Besitz der Familie Fürlus – fast eine goldene Hochzeit.

Beide Familien sind noch in Kontakt. Zum 50. Geburtstag des Oldtimers ist Fritz Westheermanns Tochter Dörte Sdunzig bei Wilfried Fürlus zu Gast. Viele Erinnerungen hat sie selbst nicht mehr an den Wagen, nur so viel weiß sie noch: „Der Wagen war meinem Vater zu langsam, darum hat er ihn verkauft.“

55 PS treiben das 1,3 Tonnen schwere „Schlachtschiff“ an. „125 Km/h schafft er, ich höre bei 90 aber immer auf“, erzählt Wilfried Fürlus, der den Wagen meist im Sommer oder zu besonderen Anlässen noch heute fährt.

Fritz Westheermann legte sich nach dem Verkauf des Mercedes einen Opel Admiral zu – ebenfalls ein Klassiker, allerdings einer, der für seine Rostanfälligkeit bekannt war.

Derartige Defizite sind bei dem Mercedes bis heute nichts zu sehen. „Da geht kaum mal etwas kaputt“, sagt Wilfried Fürlus.

Frankreich, Österreich, Norwegen – der Wagen leistete der Familie bei vielen Urlaubsfahrten treue Dienste. 280 000 Kilometer stehen auf der Anzeige hinter dem weißen Speichenlenkrad. Nur ein einziges Mal, sagt Wilfried Fürlus, sei seine Frau bei klirrender Kälte stehengeblieben. „Der Dieselkraftstoff hatte begonnen, einzufrieren.“

Einmal handelt sich Fürlus als junger Mann wegen des Wagens Ärger ein. Wegen seiner langen Haare in den 70er Jahren stoppt ihn zur Hochphase des Rote-Armee-Fraktion-Terrors in Deutschland die Polizei, mit einem Maschinengewehr im Anschlag. „Man nahm wohl an, ich hätte den Wagen gestohlen.“

1978 geben Wilfried und seine Frau Gerda Fürlus den Wagen als Dauerleihgabe an das Mercedes-Museum in Stuttgart. 1989 bekommen sie den Wagen zurück – das Museum hatte schlicht keinen Platz mehr wegen des gewachsenen Bestands. Gewartet wird der Wagen weiter bei der Esso-Tankstelle in Jever. Die gehört heute Michael Sdunzig, dem Enkel von Erstbesitzer Fritz Westheermann.