FEDDERWARDERSIEL - Was anderswo der Adel war, das war in der Wesermarsch vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert die bäuerliche Oberschicht. Sie übernahm Verwaltungsaufgaben in Deichbänden, Sielachten sowie im Kirchen- und Armenwesen, die in anderen Regionen den Herren von und zu vorbehalten waren. Diese hohe Stellung stärkte das Selbstbewusstsein der landwirtschaftlichen Elite enorm – und das zeigte sie nach außen in ihrer Repräsentationskultur.
In Kirchen, auf Friedhöfen und auf großen alten Bauernhöfen sind davon noch heute viele Spuren zu finden. Die Volkskundlerin Professor Dr. Christine Aka aus Münster folgt diesen Spuren seit zwei Jahren. Am Dienstagabend gab sie im Museum Butjadingen einen Zwischenbericht ab. Er trug den Titel „Bauern – Kirchen – Friedhöfe: Bäuerliche Repräsentationskultur in der Wesermarsch“ und zog sehr viele Interessierte an.
Im 16. Jahrhundert, nach der Vereinnahmung der kompletten Wesermarsch durch die Oldenburger Grafen, ging es den Bauern wirtschaftlich gut – so gut, dass sie Verhaltensweisen, die dem Adel vorbehalten waren, zu imitieren begannen. So stellten sie für ihre Toten Grabsteine auf. Daran änderte ein 1570 erlassenes Verbot wenig.
Bauern bauen Kirchen aus
1618 begann der 30-jährige Krieg, der weite Teile Europas verwüstete. Nur die Grafschaft Oldenburg blieb weitgehend verschont, weil Graf Anton Günther (1603 bis 1667) eine intelligente Neu- tralitätspolitik verfolgte. Die Bauern in der Wesermarsch konnten noch mehr Fettvieh und noch mehr Oldenburger Pferde verkaufen. Gleichzeitig wurden sich Katholiken und Protestanten der Unterschiede zwischen ihren Konfessionen wirklich bewusst.
Die bäuerliche Elite in der Wesermarsch hatte jetzt das Geld und das Bewusstsein, die einst katholischen Kirchen nach dem neuen protestantischen Ideal auszubauen. Und sie waren selbstbewusst genug, die Namen oder die Hausmarken der Geldgeber in den Kirchen festzuhalten.
Auch der Kirchenraum selbst spiegelte die ländliche Hierarchie wider: Die reichsten Bauern saßen vorne und die Kirchenbänke gehörten zu ihren Höfen, wurden mit ihnen vererbt, verkauft oder versteigert und waren mit Hausmarken gekennzeichnet.
Auf dem Friedhof wurden die reichsten Bauern dicht neben der Kirche bestattet. Sie leisteten sich Grabplatten, die die Geschichte ihres Lebens und ihrer Familien in Wort und Bild erzählten. Um 1700 kamen die Grabkeller auf, weil bei Sturmfluten selbst auf Wurtenfriedhöfen die Gräber ausgespült wurden. Davor waren die Toten in den Kellern sicher. Ein Grabkeller kostete sechs Ochsen – das Vielfache des Jahreslohns eines Knechtes. Auch die Grabkeller gehörten zum Hof.
In den großen Bauernhäusern wurde jetzt auch mehr Wert auf Stil gelegt. Meistens brachten die Frauen die Möbel mit in die Ehe. Um 1720 kamen in der Wesermarsch die Kleiderschränke auf – später als anderswo. Zuvor war die Kleidung in Truhen verwahrt worden; diese Truhen wurden auch weiter verwendet.
Zu dieser Zeit ging es mit der Wirtschaft deutlich bergab – auch wegen der neuen Maul- und Klauenseuche und der Weihnachtsflut 1717. Erst ab 1830 wurde es für lange Zeit besser. Zusätzlich zum Mastvieh setzten die Bauern auf Milcherzeugung. Jetzt imitierten sie nicht mehr den Adel, sondern das städtische Großbürgertum. Sie bauten sich große Häuer mit Wintergärten, errichteten Reitställe, ließen sich von wandernden Malern porträtieren und investierten in größere Möbel.
Altenteil in Oldenburg
Altenteiler zog es in die Residenzstadt Oldenburg, wo sie in Villen oder großzügigen Wohnungen lebten. Doch auch in jüngeren Jahren übergaben viele Großbauern ihre Höfe an Verwalter, um sich in der Politik, im Genossenschaftswesen oder in Aufsichtsräten zu engagieren. Nicht wenige bezogen auch eine Art Dauerwohnsitz im Gasthaus. Dieses goldene Zeitalter endete mit dem Ersten Weltkrieg.
stammt aus Vechta und hat in Münster Europäische Ethnologie, Geschichte sowie Ur- und Frühgeschichte studiert. Habilitiert hat sie sich mit einer Arbeit über Unfallkreuze am Straßenrand. Seit kurzem ist sie Professorin in Regensburg, was ihr Projekt in der Wesermarsch verzögert.
der Wesermarsch erforscht die Volkskundlerin, wie das Selbstbewusstsein der bäuerlichen Elite Landschaft und Regionalgeschichte prägt. Sie forscht in Kirchen, auf Friedhöfen und in großen alten Bauernhäusern, liest Kirchen- und Rechnungsbücher sowie Eheverträge. Das Museumsdorf Cloppenburg betreibt das Projekt gemeinsam mit dem Seminar für Volkskunde der Universität Münster; Geld kommt von der Stiftung Niedersachsen.
werden die Ergebnisse in einem Buch und in einer Wanderausstellung veröffentlicht.
