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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Reise nach Absurdistan

27.10.2014

Oldenburg Die Engländer kennen einen markigen Ausdruck, wenn sie ein Riesenproblem sehen: „There is an elephant in the room!“ Ja, stünde doch in Händels musikalischem Drama „Hercules“ einfach ein leibhaftiger Elefant im Bühnenraum! Der ließe sich verjagen. Doch hier macht sich ungreifbare irrationale Eifersucht breit. Die ist schlimmer als eine Horde sensibler Dickhäuter. Sie verweigert sich jeder Gegenwehr.

Jürgen Weber löst das Riesenproblem in der Oldenburger Neuinszenierung dieses Zwitters aus Oper und Oratorium auf frappierende Weise. In London ist das Werk zu Händels Zeit durchgefallen. Im Großen Haus wird es nach einer auf zwei Akte komprimierten und 140 Minuten dauernden Fassung ausgiebig gefeiert. Der Regisseur liefert auch das Bühnenbild um einen Altar herum und pompöse Kostüme. Er ordnet alles zeitlich und modisch irgend einem Absurdistan zu und setzt sehr direkt auf plakative Wirkungen.

LINK: Video-Blog des Regisseurs zur Produktion von „Hercules“ in Oldenburg.

Weber, vor allem im Genre Film tätig, mischt tragische Verstrickungen, spleenige Ideen, Parodie, Comic, Persiflage, Ironie und Ernsthaftigkeit derart zusammen, dass dadurch oft eine enorme emotionale Tiefenwirkung entsteht. Dafür bürgt das auf Parketthöhe platzierte Staatsorchester unter der akribischen und einfühlsamen Leitung von Jörg Halubek. Das prächtige barocke Spiel verbindet federnde Akzentuierung mit lyrischer Sanftheit und fast anspringender Verve. Es verhindert, dass die Regie bei Äußerlichkeiten stehen bleibt. Diesem Sog kann sich niemand entziehen.

Nun mag der Einsatz von Projektionen, Film- und Videoeinspielungen schon wieder abgeschabt wirken. Aber hier schleicht sich die digitale Welt mit einem Augenzwinkern ein. Wenn Dejanira ihre Eifersuchtsarie singt, verstärkt eine Grafik, die auf blutrotem Untergrund dem Auge eines Hurricans ähnelt, die am Ausbruch nicht mehr zu hindernden Gefühle. Prinzessin Iole fährt auf Multitasking ab. Ihrer Freundin tippt sie eine SMS: „Singe gerade eine schwierige Arie.“ Auch Hercules erledigt multi-aktiv mehrere Sachen gleichzeitig, aber auf die konservative Tour. Eine schwierige Arie singend, befördert er Zentaur Nessos aus dieser Welt, altmodisch in Handarbeit. Auch Chor und Extra-Chor stecken noch im analogen Zeitalter. Doch wenn 60 Personen plastisch die Arme zu einer Person hin recken, dann gleicht das der Vorstufe eines Shitstorms.

Hercules ist zu bedauern. Er wäre nach seinem Sieg auf den Schlachtfeld so gern in Rente gegangen. Doch Unklugerweise hat er die schöne Iole als Raubkunst mitgebracht. Zack, schlägt die Eifersucht zu, macht alles zunichte und rafft auch den Helden und die gerüchte-gläubige Gattin Dejanira dahin. Selbst auf dem geflügelten Weg gen Olymp bleibt dem Mann keine Ruhe. Hoch schwebend regelt er noch den Nachlass und ordnet die Familienstrukturen neu, Richtung Happyend.

Die Sänger machen das Innenleben der Figuren sinnfällig. Tomasz Wija (Hercules) führt einen Bass voll bodenständiger Männlichkeit ins Feld. Auf Nina Bernsteiners warmen Sopran ist die Innigkeit der Iole geradezu gemünzt. Hagar Sharvit (Dejanira), Philipp Kapeller (Hyllus) und Yulia Sokolik (Lichas) verströmen schon eigenes Timbre und stehen für den frischen Wind im Ensemble. Dass sie auch mal in Spitzkehren der Musik ins Schleudern geraten, gehört bei Händels Anforderungen zum guten Ton.


Alles NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
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