FELDE - FELDE - Das Publikum reagierte keinesfalls verstimmt auf einige „Unstimmigkeiten“ der Musiker, sondern vielmehr begeistert. Schließlich gehörte das bewusste Um- und Verstimmen der Instrumente zum verstärkten Ausdruck von Farbigkeit und Charakteristik zur hohen Kunst vor allem des Violinspiels im 17. Jahrhundert. Und da demonstrierte das Ensemble Chelycus am Karfreitag bei zwei ausverkauften Konzerten in der Kapelle in Felde seine international hoch angesehene Könnerschaft.

Die Oldenburgerin Veronika Skuplik (Barockvioline), Michael Fuerst (Cembalo/Orgel) und Andreas Arend (Gitarre) beleben diese Musik seit sieben Jahren zusammen. Dabei heben sie Schätze, die seit Jahrhunderten in Bibliotheken schmoren. „Die Partituren aus dieser Zeit würden hier in der Kapelle kaum Platz bis unters Dach finden“, sagt Arend. Der Amerikaner Fuerst ist der Goldgräber des Trios. Einer seiner Funde ist Andreas Oswald, ein nur 30 Jahre alt gewordener Hoforganist aus Weimar. Und wenn er dessen Musik „feurig“ nennt, so belegt das Ensemble das sofort nachhaltig.

Der abgeebbte Dreißigjährige Krieg mag die Musik ab 1650 noch prägen. Nach nachdenklichen, ja misstrauischen Passagen folgt immer wieder Aufbruchstimmung in hochvirtuosen Läufen und Griffen. Die „schwierigsten und fantastischsten Kompositionen dieser ganzen Zeit“ hört der britische Musikforscher Charles Burney bei Ignaz Franz Biber (1644 – 1707) 70 Jahre nach dessen Tod. Ausschnitte aus seinen Mysteriensonaten mit der Kreuzigung Christi bilden den Höhepunkt des Konzerts.

Die Geigerin meistert die Spielschwierigkeiten, die sich durch die veränderte Spannung einzelner Saiten ergeben, nahezu problemlos und gewinnt der Musik geschärfte Profile ab. Veronika Skuplik, eine europaweit gefragte Spezialistin der Alten Musik, gibt mit energischem Bogenstrich den Kompositionen feste Struktur, kann aber auch den zärtlichsten und intimsten Stimmungen nachspüren. Darauf gehen die beiden Continuo-Spieler prächtig ein. Zudem beweisen sie ihre Könner- und Gestaltungskraft in Solostücken von Froberger und Reuß.

Die Entdeckung neben „Feuergeist“ Oswald ist ein gewisser Clemens Mathia, dessen Namenszusatz „ab Ehrenruf“ auf einen adligen Stand deutet. Seine Sonaten weisen in ihren klarer definierten Einzelsätzen schon auf die Barockzeit hin. Aber sie sind in ihrer Virtuosität, ihrer Experimentierlust und Farbenpracht jenem fast vergessenen 17. Jahrhundert verhaftet. Vordergründig prächtiger, aber selten nachhaltig atemberaubender haben die späteren Generationen lange Musik gemacht.

Da reißt das Ensemble Chelykus richtig einen Vorhang weg!